voriges Kapitel

zurück zur Gesamtauswahl

nächstes Kapitel

Die jüdische Gemeinde Laupheim und ihre Zerstörung

Gedenkbuch Seiten 173 - 180

EINSTEIN, Max,

Kapellenstraße 6

 

ROLF EMMERICH

Max Einstein, geb. am 24. 7. 1878 in Laupheim, gest. am 21. 4. 1944 in St. Gallen/CH, OO Fanny Einstein geb. Marx, geb. am 6. 5. 1892 in Altenstadt, gest. am 5. 2. 1964 in St. Gallen/CH.
Klara Einstein, geb. am 13. 10. 1913 in Laupheim, gest. am 12. 8. 1933 am Nebelhorn (Allgäuer Alpen),
Siegfried Einstein, geb. am 30. 11. 1919 in Laupheim, gest. am 25. April 1983 in Mannheim,
Rudolf Einstein, geb. am 3. 9. 1921 in Laupheim, gest. am 6. 6. 2002 in St. Gallen/CH. 

Max und Fanny Einstein führten vor 1933 einen großbürgerlichen Haus halt mit Haushälterin, Er zieherin und Chauffeur. Das Geschäftshaus am Marktplatz hatte im Obergeschoss für die Familie eine entsprechende herrschaftliche Wohnung .

Fanny Einstein war Bankiers-Tochter aus Altenstadt im Illertal und in München aufgewachsen. Ihr Mann Max Einstein wuchs in Laupheim auf; er wurde 1917, mit 39 Jahren, noch in den Krieg geschickt. Sein Sohn Siegfried charakterisierte ihn so:

„Er liebte vier Dinge besonders, die Menschen, die Wahrheit, die Freiheit und Mozart.“

Max und Fanny Einstein, 1930.

Der Niedergang der bürgerlichen Existenz kam auf brutale Weise mit den Nazis (siehe dazu Kaufhaus D. M. Einstein).

Am 10. November 1938 wurde Max Einstein mit 15 weiteren Laupheimern in das KZ Dachau verschleppt. Über einen Monat wurden sie dort bei winterlicher Kälte auf kaltem Betonboden eingesperrt, ohne Schutz gegen die Kälte, und wurden dazu noch schwer misshandelt. Als gebrochener Mann kam der Diabetiker Max Einstein aus dem KZ. Fanny Einstein musste die Auswanderung vorantreiben.

Denunziert von dem früheren Chauffeur, musste die Familie noch über ein Jahr warten, bis sie zu entfernten Verwandten in die Schweiz ausreisen konnte. Das kümmerliche Geld aus demVerkauf durch Arisierung“ des Geschäftes durfte nicht mitgenommen werden. Mittellos wie die Familie in der Schweiz ankam, wurde sie durch Almosen von Verwandten unterstützt. Namentlich aus der Steiner-Familie; Hedwig Steiner in New York wird hierzu besonders erwähnt.

  

„Kinderfasnet“: Rudolf, Klärle und Siegfried.        Klärle Einstein, Sommer 1932.

 

Klara, „Klärle“ Einstein

Die sehr musische junge Frau machte in München eine Ausbildung zur Designerin. Als die große Schwester der zwei jüngeren Brüder, galt sie als das „Herzstück der Familie“. Sie war bereits verlobt, als sie im August 1933 mit ihren Eltern und Brüdern zum Urlaub im Kleinen Walsertal war. Die Neunzehnjährige machte mit dem Bruder Siegfried eine Bergtour am Nebelhorn. Sie kamen in ein Unwetter mit dichten Wolken und Regen. Ein Blitzschlag traf die junge Frau; sie war auf der Stelle tot. Ihr Wanderstab als Blitzableiter wurde ihr zum Verhängnis.

 

Rudolf Einstein

Sein Vater brachte ihn im September 1936 nach St. Gallen; Grund: jüdische Schüler wurden aus der Laupheimer Lateinschule „entfernt“. Rudolf machte zunächst das Handelsdiplom an einer privaten Schule. Da keine Arbeitsbewilligung zu bekommen war, besuchte er die Modefachschule und machte eine Ausbildung zum Entwerfer für Stickereien. In der Textilbranche arbeitete er bis zur Rente 1986. Seit 1956 war Rudolf Einstein Sankt Gallener Bürger und dadurch Schweizer.

Rudolf Einstein 1999.

Bis zu seinem Tode führte er regelmäßig lange Telefonate mit Laupheimern. Er zeigte sich dabei als Mann mit ausgeprägtem Humor. Lokale Geschehnisse interessierten ihn. Zu einer Reise in die alte Heimat war er jedoch nicht mehr bereit.

 

Siegfried Einstein

„In meine Heimat möcht ich nicht zurück,

nicht an den Ort, aus dem sie mich vertrieben“,

so beginnt ein spätes Gedicht des Schriftstellers Siegfried Einstein. Es endet jedoch überraschend mit dem Vers:

„das Stückchen Land,

das meine Ahnen so geliebt,

es diene mir im Tod zur letzten Ruh.“

In dieser Ambivalenz, in dem hierbei sichtbaren Spannungsfeld gegenüber seiner Heimatstadt lebte Siegfried Einstein.

Als sensibler Knabe wuchs er in Laupheim auf. Mit neun Jahren schrieb er bereits seine ersten Verse; besonders gefördert von seiner Lieblingstante Caroline Marx, der Schwester seiner Mutter. Nach seiner Bar Mizwa erlebt der 13jährige die Anfänge der Nazibarbarei in Laupheim. Am 1. April 1933 wurden alle vier Schaufenster am elterlichen Geschäft eingeschlagen. Die SA-Leute drangen in das Geschäft ein und versuchten, mit Gewalt in die Wohnung der Familie Einstein einzudringen.

Siegfried ist geschockt. Tagelang kann er daher nicht zur Schule. Kaum war er wieder im Unterricht, wurde er von einem Lehrer rassistisch gemobbt. In einem Interview zum 30. Januar 1983 beschrieb er dies: 

„Der Lehrer sagte, so sähe der Jude aus. Er wolle mit der Kreide meine Schädelform nachfahren; das tat er. Als ich von der Tafel zurücktrat, war ich entsetzt über mein Porträt. Ich hatte da eine riesenlange Nase und ungeheuer große Ohren, während ich in Wirklichkeit eher eine kleine Nase und kleine Ohren besaß. Bis auf einen Freund, grölte die ganze Klasse. Der Lehrer sagte misch, ich könne nun nach Hause gehen, und ich ging nach Hause.“
Acht Monate später wurde Siegfried in der Pause im Hof der Lateinschule mit Steinwürfen verletzt. Blutüberströmt schleppte er sich weg. „Diesem Steinhagel verdanke ich mein Leben“, äußerte er später.

Siegfried Einstein wurde am 26. September 1934 zu Freunden der Familie in die Schweiz geschickt. Er besuchte das bedeutende Internat auf dem Rosenberg, lernte Englisch, Französisch und Spanisch und machte in den Folgejahren das Handelsdiplom. Als Ausländer bekam er jedoch keine Arbeitserlaubnis. Die Heimatlosigkeit belastete ihn. Das folgende Gedicht spricht davon:

 

Abendlicher Monolog

Der Heimatlose bin ich hier und dort,

in allen Städten und auf allen Gassen.

Da ist soweit ich denken kann, kein Ort,

den nicht der Fremdling, der ich bin, verlassen.

 

Die andern haben einen Herd, ein Haus,

und manches Glück ist ihrem Tag bereitet:

Da ziehen Kinder ihre Schuhe aus

In Räumen, die mein F nur scheu durchschreitet.

 

Und wie ein ungebetner später Gast.

Und abends, wenn ich meine Hände hebe,

als hätte ich mein Anderssein umfasst,

so weiß ich manchmal nicht, ob ich noch lebe.

 

Und staunend sehe ich die andern gehen

Mit Sicherheiten, die mich fast erschrecken;

Und Flammenzeichen, die sie nicht verstehn,

sind Todespein, wenn sie zur Nacht mich wecken.

Der Heimatlose bin ich hier und dort,

in allen Städten und auf allen Gassen.

Da ist soweit ich denken kann, kein Ort,

den nicht der Fremdling, der ich bin, verlassen.

 

Er war von Februar 1941 bis Juni 1945 in neun verschiedenen schweizerischen Internierungslagern festgesetzt. Ein Mitinternierter hat mich vor Jahren auf die harten, meist sehr ungesunden Bedingungen in diesen Lagern aufmerksam gemacht:

 

Liste von Siegfried Einsteins Schweizer Internierungslagern.

Trotz der schlechten Voraussetzungen schreibt Einstein schon in den Kriegsjahren Gedichte. Diese erschienen, teilweise vermischt mit neuen Texten, im Jahre 1946 unter dem Titel „Melodien in Dur und Moll“. Er arbeitet in diesen Jahren als Journalist für verschiedene Schweizer Zeitungen und als Lektor des kleinen Pflug-Verlages.

Im Jahre 1947 wurde Einsteins Sohn Daniel geboren. Eines seiner stärksten Gedichte entstand in dieser Zeit:

 

Schlaflied für Daniel

 

Wir fahren durch Deutschland, mein Kind

Und es ist Nacht.

Die Scheiben klirren im Wind,

Da sind die Toten erwacht,

 

die Toten von Auschwitz, mein Sohn.

Du weißt es nicht

und träumst von Sternschnupp und Mohn

und Sonn und Mondgesicht.

 

Wir fahren durch Deutschland, mein Kind.

Und es ist Nacht.

Die Toten stöhnen im Wind:

Viel Menschen sind umgebracht.

 

Du darfst nicht schlafen, mein Sohn,

und träumen von seliger Pracht.

Sieh doch! Es leuchtet der Mohn

wie Blut so rot in der Nacht.

 

Wir fahren durch Deutschland, mein Kind.

Und es ist Nacht.

Die Toten klagen im Wind

und niemand ist aufgewacht . . .

 

 

Im Erstdruck hat der Autor den Titel des Gedichts ergänzt mit „Ulm ab 18:32 Uhr“. Das lässt vermuten, dass ein Besuch in Laupheim voranging. In Einsteins Eichmann-Buch heißt es dazu: Geschrieben für alle Toten, die vergessen sind, weil sie „nur Juden“ waren!

Dieses Gedicht wurde mehrfach vertont und nachgedruckt. Aber: Der Ausländer mit dem unehelichen Sohn bekam Probleme mit kantonalen Behörden; sein aufbrausendes Temperament hat dabei sicher eine Rolle gespielt. 1953 kehrt Einstein nach Deutschland zurück; nach Lampertheim in Hessen, nahe Mannheim.

Nach verschiedenen Novellen erschien 1950 sein bedeutendster Gedichtband „Das Wolkenschiff “, der in zwei Auflagen gedruckt wurde. Im Laupheimer Museum zur Geschichte von Christen und Juden werden alle gedruckten Bücher Einsteins gezeigt.

Darunter sind zwei Werke aus dem Nachlass: „Meine Liebe ist erblindet“ und „Wer wird in diesem Jahr den Schofar blasen?“. Siegfried Einstein bekam verschiedene Auszeichnungen für sein literarisches Werk, darunter die Thomas-Mann-Spende und den Tucholsky-Preis 1961. Letzteren für sein Buch „Eichmann – Chefbuchhalter des Todes“. Der Lyriker und Essayist Siegfried Einstein nannte dies sein schmerzlichstes Buch. Er rechnete darin mit restaurativen Tendenzen in der Bundesrepublik ab und nannte entsprechende Politiker beim Namen. Das Buch wurde in mehrere Sprachen übersetzt. Eine zweite Auflage kam nicht zustande, weil er sich weigerte, Streichungen vorzunehmen.

Seine Lyrik, seine Literatur insgesamt, reichte nicht, um den Lebensunterhalt zu bestreiten. So schrieb er für verschiedene Zeitungen; voller Entrüstung über Ewiggestrige. Mehrere Jahre war er Autor für die „Andere Zeitung“, die sich gegen die Wiederaufrüstung Deutschlands engagierte. Lesungen und Vorträge über verfolgte Dichter hielt er in der ganzen Bundesrepublik. Bemerkenswert auch: Zum 100. Todestag Heinrich Heines hielt Siegfried Einstein die Gedenkrede am Grabe auf dem Montmartre in Paris. Dem Autor und Menschen Heinrich Heine fühlte er sich besonders nahe.

Bei Besuchen in Laupheim hielt es ihn nur kurz. Trotzdem kam er immer wieder. Er besuchte das Grab seiner Schwester „Klärle“, dann auch noch befreundete Fami- lien, die in den braunen Jahren sauber geblieben waren. Er ereiferte sich dabei sehr schnell und wurde hitzig. „Siegfried du muscht jetzt gange, habe ich dann immer gesagt“, beschreibt eine Schulkameradin Einsteins diesen Vorgang. „Seine Frau Ilona musste dann auf dem schnellsten Wege das Auto aus Laupheim hinaus fahren. „Er lebte dann wie ein Mensch ohne Haut; so empfindlich, so verletzlich“, bestätigt seine Frau.

In einem seiner letzten Gedichte zog Siegfried Einstein seine Bilanz in schonungs- loser Offenheit:

 

Mein Leben

 

Ich habe mein Leben lang 

gekämpft, gefürchtet, geweint, gelacht, gestritten,

geschlichtet, gewusst, gehofft, gebeichtet, gelogen,

gesucht, gefunden, gelobt, geleugnet, geschwiegen,

gesprochen, gewacht, geschlafen, gelesen, geträumt,

geglaubt, gelästert, gebangt, gedroht, gelitten,

gequält, gegeben, genommen, gejagt, gezittert,

gehungert, geprasst, getrunken, gedürstet,

gezeugt, getötet, gewusst, gespielt, gemahnt, gehetzt,

gepflanzt, gejätet, geflucht, gesegnet, geheilt,

gepeinigt, geheiligt, getreten, gedacht, geblödelt,

geschwitzt, gefroren,

geächtet, geachtet, geworben, geschlackert,

gerufen, gehorcht, geliebt, gelebt gelebt,

gelebt. Gelebt? geträumt vom LEBEN!


 

Siegfried Einsteins Herz hatte mehrere Infarkte gerade noch überstanden. Sein Tod kam dennoch plötzlich; am 25. April 1983, auf dem Weg zum Arzt starb er. Fast 50 Jahre nach dem tragischen Unfalltod von „Klärle“ Einstein am Nebelhorn ließ sich Siegfried Einstein neben seiner Schwester auf dem jüdischen Friedhof in Laupheim beerdigen.

 

 

 Siegfried Einstein, ca.1960.

 

 

„Klärle“ Einstein, 1933.

 

 

voriges Kapitel

zurück zur Gesamtauswahl

nächstes Kapitel