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Die jüdische Gemeinde Laupheim und ihre Zerstörung

Gedenkbuch Seiten 537 - 551 

WALLACH, Karl,

Wäscheversand, Kapellenstraße 42

 

DR . ANTJE KÖHLERSCHMIDT

Kalman, genannt Karl, Wallach, geb. am 20. 6. 1883 in Bledowa/Galizien, gest. 13. 7. 1942 in Auschwitz, OO Rosa Schneeweiß, geb. am 15. 4. 1886 in Rzeszów / Polen, gest. am 24. 5. 1942 in Laupheim.
Charlotte Wallach, geb. am 27. 8. 1908 in München, überlebte die Shoa in Ungarn,
Leopold/Luitpold Wallach, geb. am 6. 2. 1910 in München, 1939 Emigration in die USA,
Saly Wallach, geb. am 16. 11. 1912 in München, am 27. 1. 1938 Emigration in die USA,
Betty Wallach, geb. 4. 5. 1915 in Laupheim, gest. 1944 KZ Stutthof. Verwandter von Rosa Wallach: Louis Snow, geb. am 15. 3. 1871, Emigration am 15. 1. 1939 nach Philadelphia/USA. 

 

Vorwegzuschicken ist, dass die Familie Wallach und das Schicksal ihrer Mitglieder während der Shoa eine der vielschichtigsten der jüdischen Familien Laupheims ist. Während es zwei Kindern und dem Verwandten gelang, ihr Leben durch die Emigration zu retten, überlebte eine Tochter von den Nazis unentdeckt in Ungarn. Die jüngste Tochter und der Vater wurden deportiert und ermordet. Dem Schicksal ist die Mutter durch Krankheit und letztlich ihren Tod in Laupheim entgangen. Doch weitere Ausführungen dazu an gegebener Stelle.

Das Ehepaar Wallach hatte unter den seit Generationen am Ort verwurzelten Laupheimer Juden eine außergewöhnliche Position inne, die auf ihre Herkunft zurückzuführen ist. Beide stammten aus Galizien, das um Ende des 19. Jh./Anfang 20. Jh. zum Vielvölkerstaat Österreich-Ungarn gehörte und wo Polnisch gesprochen wurde.  Kalman, genannt Karl, Wallach war am 20. Juni 1883 in Bledowa zur Welt gekommen und lebte seit 1901 im Deutschen Kaiserreich. Seine Frau Rosa Schneeweiß wurde am 15. April 1886 in Rzeszów in Polen geboren. Am 9. Oktober 1907 heirateten sie am Geburtsort der Frau und der Weg des jungen Ehepaares führte zunächst nach München, wo ihre erste Tochter Charlotte am 27. August 1908 geboren wurde. Kalman Wallach ist im Stadtadressbuch 1910 mit Wohnsitz Fraunhoferstraße 11 und im Stadtadressbuch 1913 mit Wohnsitz Sommerstraße 23 aufgeführt. Am 6. Februar 1910 wurde in München ihr einziger Sohn Leopold geboren. Nach der Geburt des dritten Kindes, der Tochter Saly am 16. November 1912, zog die Familie Wallach 1913 nach Laupheim um. Nicht zu eruieren war, wovon sie in München ihren Lebensunterhalt bestritten hatte und warum sie letztlich ihren Wohnsitz nach Laupheim verlegte. Familiäre Beziehungen ins Schwäbische gab es jedenfalls nicht. Als einziges der vier Kinder der Familie wurde Betty am 4. Mai 1915 in Laupheim geboren. Dem Laupheimer Adress- und Geschäfts-Handbuch aus dem Jahr 1925 zufolge wohnte die Familie in der Ulmer Straße 54, mutmaßlich zur Miete.1)

Der nunmehr vierfache Vater und Ernährer der Familie, Karl Wallach, rückte am 14. August 1915 als Soldat in den 1. Weltkrieg ein und das, obwohl er noch nicht im Besitz der deutschen Staatsangehörigkeit war. Dieses Verhalten verdeutlicht eindringlich, wie sehr Karl Wallach um die Integration in die neue Heimat bemüht war und sich eine patriotische Haltung zu eigen gemacht hatte. Im Feldartillerie-Regiment 56 diente er als Offizierskoch an der Tyroler Front. Im Zuge der Weltkriegsniederlage geriet er in italienische Kriegsgefangenschaft, aus der er im Dezember 1919 nach Laupheim zurückkehrte.2)

Im Zuge des Einbürgerungsverfahrens zur Aufnahme der Familie Wallach in die württembergische Staatsangehörigkeit Ende der 20er Jahre des 20. Jh. erklärte er, dass die Familie seiner Frau, eine geborene Schneeweiß, ursprünglich in Österreich sesshaft gewesen und dann nach Galizien ausgewandert sei. Durch die territorialen Veränderungen im Zuge des Versailler Friedensvertrages gehörte Galizien zu Polen und die Wallachs hatten demzufolge die polnische Staatsangehörigkeit, aus der sie im Zuge des Einbürgerungsverfahrens entlassen und 1930 in die württembergische aufgenommen wurden.3)

Die wirtschaftliche Grundlage der Familie in Laupheim war ein sogenanntes „Versandhaus für Damen- und Herrenwäsche – Strumpfwaren“, das Rosa und Karl Wallach in Laupheim eröffnet hatten und das sie zunächst in der Ulmer Straße 54 betrieben. Ab 1925 verlegten sie das Geschäft in die Kapellenstraße und führten es im Gasthaus „Zum Kreuz“ im 1. Stock weiter. Wie die abgebildete Rechnung belegt, betrieben sie es später auch als Ladengeschäft im eigenen Haus in der Kapellenstraße 42. Zu ihrem Sortiment gehörten neben Stoffen auch Fertigwaren wie Hemden, Hosen, Socken und Strümpfe. Im Geschäft war auch Rosa Wallach tätig, die nach Aussagen von Laupheimer Zeitzeugen recht gebrochen Deutsch gesprochen hat.4)

In den zwanziger Jahren besaßen die Wallachs eines der wenigen Autos in Laupheim, eine Opel-Limousine der 4-Steuer-PS-Reihe, die zwischen 1924 und 1927 gebaut wurde. Diese geschäftliche Investition in den sogenannten Goldenen Zwanzigern stand neben dem Kauf eines eigenen Hauses in der Kapellenstraße 42. Dies lässt rückblickend darauf schließen, dass die geschäftliche sowie finanzielle Situation positiv gewesen sein musste. Zudem war seit Oktober 1927 Alois Ruf aus Schönebürg als Chauffeur bei Karl Wallach beschäftigt. Mit dem Auto wurden geschäftliche Fahrten ins Bayerische unternommen, bei denen sie Hotels und Pensionen besuchten, um dort Aufträge für die Ausstattung mit Bettwäsche, Tischware und Handtüchern einzuholen.

 

(„Laupheimer Verkündiger“, 17. 1 1925)

  

(Lauph. Verkündiger,17.1.1925)   (Adreß u. Geschäftshandbuch1925)

 

Karl Wallach (links) neben seinem Opel Laubfrosch (Archiv Ernst Schäll)

 

Darüber hinaus haben sie umliegende Ortschaften mit Weißwaren versorgt, von deren Qualität noch in den 60er Jahren des 20. Jahrhunderts eine ehemalige Kundin aus Wain schwärmte. Für viele Bewohner im ländlichen Umkreis Laupheims war diese Art des Einkaufens sowohl üblich als auch praktisch, da wenige über ein Auto verfügten und die Mobilität der ländlichen Bevölkerung deutlich eingeschränkt war.

Doch die wirtschaftlichen Probleme infolge der Weltwirtschaftskrise von 1929 hinterließen auch ihre Spuren im Laupheimer Raum, so war Karl Wallach aufgrund dessen gezwungen, im Dezember 1930 seinen Chauffeurs Alois Ruf zu entlassen. Dieser hatte seinen Kindern berichtet, dass es bereits antisemitische Anfeindungen auf jenen Reisen gegen Karl Wallach gegeben habe.5)

Wie erwähnt kauften Rosa und Karl Wallach im Juni 1928 das Haus in der Kapellenstraße 42, seit 1968 Nummer 41, je zur Hälfte von Leo Mörsch, einem Werkmeister aus Laupheim. Damals gehörte neben dem Wohnhaus und Hofraum mit 2 a 12 m2 auch ein Gemüsegarten mit 40 Quadratmetern. Das Haus selbst ist jedoch wesentlich älter und vermutlich um 1861 erbaut worden. Sie hatten dafür den Kaufpreis von 14 000 Goldmark aufzubringen, für den sie wie heute auch üblich verschiedene Hypotheken aufnehmen mussten. Neben der Gewerbebank Laupheim, der heutigen Volksbank Laupheim, hat ihnen die Israelitische Kirchengemeinde in Laupheim eine Hypothek in Höhe von 6000 Goldmark gewährt.6)

    

Haus Kapellenstraße 42/43 einst . . .   Haus Kapellenstraße 43 heute.

 

Die vier Kinder der Familie Wallach, Charlotte, Leopold, Saly und Betty, wuchsen unbeschwert in der jüdischen Landgemeinde Laupheim auf und haben alle inLaupheim zunächst die jüdische Volksschule in der Radstraße besucht, um dann auf die Real- und Lateinschule am Ort zu wechseln, wo sie auch christliche Klassenkameraden hatten. Bildung spielte im Hause Wallach offensichtlich eine wesentliche Rolle. Über Charlottes und Salys Werdegang ist wenig bekannt, indes ist über Leopold und Betty einiges auszuführen.

 

Charlotte

Über die älteste Tochter Charlotte war kaum etwas zu recherchieren. Ende der zwanziger Jahre des 20. Jhs. war sie als Kontoristin bei der Firma Steiger in Burgrieden beschäftigt. Das nebenstehende Bild, das aus dieser Zeit stammen dürfte, zeigt sie als eine elegant wirkende junge Frau auf dem Laupheimer Judenberg, die vor den alten jüdischen Häusern steht, die durch ihre nachträglichen Anbauten für die Erweiterung des Wohnraumes meist wegen Familienzuwachs geprägt waren.

 

Leopold

Nach Aussagen seines Klassenkameraden Josef Braun (1909–2004) war Leopold Wallach ein „hochbegabter Schüler“, der als sogenannter „Klassenprimus“ 1926 die Mittlere Reife an der Latein- und Realschule in Laupheim ablegte und im Anschluss daran an die Oberrealschule Ulm wechselte, die er laut „Laupheimer Verkündiger“ vom 2. 3. 1929 mit der Reifeprüfung bestand. Signifikant war für Leopold Wallach bis ins hohe Alter hinein eine Brille mit runden Brillengläsern, die ihm einen hohen Wiedererkennungswert verlieh und eine Identifikation auf Fotos leicht ermöglicht. Zu ergänzen ist, dass Leopold Wallach am 12. November 1932 den Titel eines Dr. phil. mit seinen „Studien zur Chronik Bertolds von Zwiefalten“ im Fachbereich Geschichte an der Universität Tübingen erwarb. Mit seiner Arbeit „Leopold Zunz und die Grundlegung der Wissenschaft des Judentums: Über den Begriff einer jüdischen Wissenschaft", die er im August 1936 abgeschlossen hatte und 1938 publizierte, hatte er seine Studien an der Hochschule für die Wissenschaften des Judentums in Berlin abgeschlossen. Beide Arbeiten griff er in den 50er Jahren des 20. Jhs nochmals auf.


„In der Folge begann ich (Leopold Wallach – d. V.) ein Studium in zwei Bereichen: a) studierte ich Geschichte und Philosophie an den Universitäten Berlin und Tübingen, und b) studierte ich gleichzeitig jüdische Theologie an der Hochschule für die Wissenschaften des Judentums in Berlin, Artilleriestraße. Im November 1932 erwarb ich den Titel eines Dr. phil. für Geschichte an der Universität Tübingen und ein paar Jahre später das Rabbiner-Diplom an der genannten Hochschule.“7)

1931: Leopold Wallach, rechts

(Hyneck, Frau Zorn)

 

Saly

Saly hatte ihre Schulzeit an der Latein- und Realschule Laupheim mit der Schlussprüfung im März 1929 erfolgreich abgeschlossen und danach scheinbar die kaufmännische Richtung eingeschlagen. 1934 war sie Angaben des Württembergischen Oberamtes entsprechend als Kontoristin in einer Ulmer Firma tätig gewesen. Einer Zusammenstellung der jüdischen Einwohner des Jahres 1933 der Stadt Ulm ist zu entnehmen, dass sie zu diesem Zeitpunkt ledig war und am Marktplatz 9 in Ulm wohnte.

Im Verzeichnis des ausgewanderten jüdischen Bürger der Stadt Ulm wird Saly Wallach, verheiratete Kenig, genannt. In Übereinstimmung mit den Angaben ihres Bruders ist es ihr 1938 gelungen in die USA auszuwandern und ihrem Bruder Luitpold ein Affidavit für die Ausreise auszustellen. Ihren Eltern und ihrer kleinen Schwester Betty glückte dies nicht mehr.8)

 

Betty

Betty ist die Jüngste und das einzige in Laupheim geborene Kind. Sie besuchte die jüdische Volksschule in der Radstraße höchstwahrscheinlich von 1922 bis 1926. Während ihrer Schulzeit, d. h. ab 1924, wurde die Schule als private Anstalt unter Leitung des Württembergischen Oberrats der Israeliten von Lehrer Wilhelm Kahn weitergeführt. Für eine staatlich finanzierte Konfessionsschule war die Schülerzahl zu klein geworden, was auch zugleich den Unterricht von Kindern aus vier Klassenstufen in einer Klasse erklärt.

Nach ihrer Volksschulzeit trat sie in die Realschule mit Lateinabteilung ein, sie wurde Schülerin in einer Realschulklasse. Aus einem „Schulbericht über den Stand des Religionsunterrichts im Schuljahr 1926/27“ des bereits genannten Lehrers Kahn, Staatsarchiv Sigmaringen, geht hervor, dass der israelitische Religionsunterricht für Schülerinnen und Schüler klassenübergreifend, d. h. 1. Bis 3. und 4. bis 6. Klasse gemeinsam, erteilt wurde. Insgesamt nahmen sechs, drei Knaben und drei Mädchen, des ersten bis dritten Schuljahres der Realschule mit Lateinzug teil. Neben Betty Wallach war auch die gut ein Jahr ältere Gretel Bergmann als Schülerin aus dem 3. Schuljahr in dieser Gruppe. Sie wurden sowohl in Religionslehre und Biblischer Geschichte als auch in Hebräisch, d. h. Lesen und Schreiben sowie Übersetzen der Gebete, unterrichtet. Die aus diesem Unterricht erwachsende Note war Bestandteil des Zeugnisses.

 

 

Betty Wallach (Bildmitte, vorne links) und ihre Realschulklasse vor dem Schulhaus in der Rabenstraße, Herbst 1927.
(Foto: Bilderkammer, Museum)

 

Auf dem Foto des Mundharmonika-Orchesters der Realschule aus dem Jahr 1928 steht Betty mit verschmitzt lächelndem Gesicht neben dem Studienassessor Braun. Es belegt das noch ganz selbstverständlich erscheinende Miteinander von christlichen und israelitischen Kindern.

Im Schuljahr 1928/29 besuchte sie als einzige Schülerin israelitischer Konfession die 3. Klasse der Realschule, mit insgesamt 16 Schülerinnen und Schülern. Betty war sprachlich sehr begabt, ihre besten Noten hatte sie in Deutsch und Französisch. Frau Braun erinnerte sich an Betty als „eine ganz besonders Liebe“, die anderen Schülern auch Nachhilfeunterricht in Französisch gab. Der üblichen fünf- oder sechsjährigen Ausbildung an der Realschule zufolge muss Betty die Schule 1930/31 bzw. 1931/32 abgeschlossen haben. Eine weitere berufliche Ausbildung war ihr dann bereits nicht mehr möglich.9)

 

 

 

Das Foto zeigt die Familie Wallach in den 20er Jahren des 20. Jhs. vollzählig. Rosa und Karl sitzend, Betty danebenstehend. Im Hintergrund von links: Saly, Charlotte, Louis und Leopold Wallach. Der Verwandte Rosa Wallachs lebte wohl eine Zeit lang bis zu seiner Emigration am 25. 1. 1935 nach Philadelphia/USA bei ihnen.

Die Zeit nach 1933

Bereits im November 1933 begann gemäß eines Erlasses des Innenministeriums vom 21. August 1933 ein Verfahren zum Widerruf von unerwünschten Einbürgerungen, die zwischen dem 9. November 1918 und dem 30. Januar 1933 erfolgt sind. Dieses Verfahren wurde in Laupheim sowohl gegen Karl Wallach mit Familie als auch den aus Tschechien stammenden Artur Grab mit Familie geführt. Deren verwaltungsrechtliches Ergebnis ist nicht mehr aktenkundig, das Schicksal der beiden betroffenen Familien dagegen sehr wohl.

Leopold Wallach wurde 1936 nach dem Erwerb des Rabbiner-Diploms durch den Israelitischen Oberrat in Stuttgart zum letzten Bezirksrabbiner von Göppingen ernannt. Das Amt übte er von 1937 bis 1939 aus. Von Göppingen aus wurde er im Zuge der Reichskristallnacht 9./10. November 1938 in das KZ Dachau verschleppt und inhaftiert. Gleiches widerfuhr seinem Vater Karl Wallach in Laupheim. Er war wie 16 weitere jüdische Männer in Laupheim von SA-Leuten verhaftet, vor die brennende Synagoge geführt, drangsaliert und schließlich über Nacht im Amtsgefängnis festgehalten worden, bevor sie schließlich ins KZ Dachau verschleppt wurden. Dort hat Karl Wallach sehr wahrscheinlich auch seinen Sohn Rabbiner Leopold Wallach getroffen. Gemeinsam mit Max Obernauer und Siegfried Kurz wurde Karl Wallach schließlich am 17. Dezember 1938 aus dem KZ Dachau entlassen. Auflage für die Entlassung war stets die Betreibung der raschen Auswanderung.

Mit Hilfe seiner Schwester Saly gelang es Leopold Wallach im August 1939 in die USA auszuwandern, wo er zunächst als Transportarbeiter beim Entladen von Schiffen tätig war und von 1940 bis 1948 als Rabbiner in verschiedenen amerikanischen Gemeinden wirkte.10)

Karl Wallach bemühte sich nachweislich sehr um die für die Auswanderung notwendigen Papiere, wie eine steuerliche Unbedenklichkeitsbescheinigung durch das Finanzamt Laupheim, was nach der Reichspogromnacht vom November 1938 immer schwieriger wurde. Das Geschäft der Wallachs fiel als eines der letzten noch der Arisierung des Wirtschaftslebens zum Opfer, indem es am 22. 12. 1938 auf folgende Anweisung hin liquidiert wurde:



Industrie- und Handelskammer Ulm an den Landrat in Biberach vom 8.12.1938:

„I. Wir nehmen Bezug auf die Verordnung zur Durchführung zur Ausschaltung der Juden aus dem deutschen Wirtschaftsleben vom 23.11.1938 und auf den Schnellbrief des Herrn Reichswirtschaftsministers Nr. III Jd 9416/38 vom 26.11.1938. Darnach soll die Auflösung und Abwicklung der jüdischen Einzelhandelsverkaufsstellen, Versandgeschäfte und Bestellkontore mit tunlichnster Beschleunigung durchgeführt werden. …
II. Im Kreis Biberach handelt es sich u. W. um folgende Geschäfte:
2. Kalman Wallach, Textilwarengeschäft in Laupheim, Kapellenstraße 42. Das Geschäft ist aufzulösen. Für die Sicherstellung der Versorgung ist es nicht erforderlich.
Als Sachverständiger ist Herr Max Wetzel, Inhaber der Firma Richard Wetzel in Laupheim in Aussicht genommen.“11)
 

In diesem Zusammenhang ist sicherlich der Verkauf ihres Hauses am 25. Juli 1939 für 14 000 Reichsmark an den Metzgermeister Hatzelmann und dessen Frau zu sehen. Der Kaufpreis ist gegen die Hypothekenschulden aufgerechnet worden. Dies kommt streng genommen einer Zwangsversteigerung gleich. Die seit 1933 ganz gezielten antisemitischen Kampagnen vom Judenboykott bis zur vollkommenen Ausschaltung der Juden aus dem deutschen Wirtschaftsleben hatte den Wallachs die finanzielle Existenzgrundlage entzogen. Im Kaufvertrag wurde ihnen das Recht eingeräumt, die beiden hinteren Zimmer und die Küche im 1. Stock gegen Bezahlung eines monatlichen Mietzinses von 20 RM für die folgenden drei Monate weiter zu nutzen. Falls sie dann noch innerhalb des Landes seien und keine anderweitige geeignete Unterkunft gefunden hätten, so werden sich die Vertragsschließenden über die Fortsetzung des Mietverhältnisses weiter verständigen. Eine Auswanderung gelang trotz allen Anstrengungen Betty, Rosa und Karl Wallach nicht mehr. Im Oktober 1941 wurde das Ehepaar Wallach durch die Stadt Laupheim in die Baracke in der Wendelinsgrube 3 zwangsumquartiert.

Die Jahre von 1932 bis 1941 widerspiegeln einen unsteten und wechselvollen Lebensweg Betty Wallachs, der sie aus dem Ausland und anderen deutschen Orten immer wieder nach Oberschwaben zurückführte. Das nationalsozialistische Repressionsregime dokumentierte akribisch Zu- und Wegzug. Demnach hielt Betty sich 1934 in Laupheim auf. Im Dezember 1934 reiste sie nach Italien aus und kehrte im November 1935 zurück.

Vom April bis Oktober 1937 wohnte Betty in Stuttgart, bevor sie zu ihren Eltern nach Laupheim heimkehrte.

Am 20. Juli 1939 meldete das Finanzamt Laupheim der Gestapo Stuttgart den Antrag Betty Wallachs auf eine steuerliche Unbedenklichkeitsbescheingung zur Vorbereitung der Ausreise nach New York, USA, die ihr und ihren Eltern nicht mehr gelingen sollte. Im April 1940 zog Betty nach Herrlingen, um dort als Hausangestellte zu arbeiten. Bereits im Juni 1940 kehrte sie nach Laupheim zurück.

Im September desselben Jahres erhielt sie von der Gestapo Ulm die Erlaubnis zum Zuzug nach Ulm in die Beyerstraße 54. Dem Antrag vom 23. Juli 1940 ist zu entnehmen, dass sie als Hausangestellte die 85jährige Ulmer Jüdin Fanny „Sara“ Schlesinger, geboren am 31. 7. 1855, pflegen sollte. Diese war schon seit langer Zeit an Magen- und Darmkrebs erkrankt und pflegebedürftig. „Bei einer evtl. Ablehnung des Gesuchs besteht die Gefahr, daß eine ältere deutschblütige Person zur Pflege der Schlesinger herangezogen wird oder die Schl. ins Krankenhaus eingewiesen werden müsste“, teilte der Oberbürgermeister der Stadt Ulm der Kreisleitung der NSDAP Ulm mit, die den Antrag schließlich bewilligte. Ulm scheint für Betty nach bisherigem Erkenntnisstand der letzte Wohn- und Wirkungsort vor ihrer Deportation gewesen zu sein. Auch ihr Pflegling Fanny Schlesinger wurde 87jährig mit dem dritten Transport am 22. August 1942 von Ulm nach Theresienstadt deportiert.12)

Nach den Erinnerungen der den Holocaust überlebenden Ulmer Jüdin Resi Weglein gehörte die erst 26jährige Betty Wallach zu den am 28. November 1941 vor dem Schwörhaus mit Gepäck versammelten Ulmer Juden. Sie wurden mit einem Omnibus zunächst zum Killesberg nach Stuttgart abtransportiert. Im dortigen Sammellager wurden Juden aus ganz Württemberg konzentriert. Zu ihnen gehörten neben den 20 aus Ulm auch zwei aus der Heil- und Pflegeanstalt Heggbach sowie 19 Personen aus Laupheim, zu denen ursprünglich auch ihre Eltern Rosa und Karl Wallach gehören sollten. In der „Ehrenhalle des Reichsnährstandes pferchte die Gestapo die Menschen zusammen, die auf Matratzenlagern acht Reihen zu je 125 Personen schlafen mussten. In der Nacht zum 1. Dezember wurden sie auf Lastwagen zum Hauptbahnhof gebracht und in ungeheizte Waggons verladen. In den frühen Morgenstunden verließ der Zug mit den 1013 jüdischen Württembergern den Stuttgarter Nordbahnhof. Von der Gestapo bewacht fuhr der Zug drei Tage und Nächte nach Osten, wo er am 4. Dezember 1941 auf dem Bahnhof Skirotawa in Riga ankam. SS-Leute überführten die Deportierten in das 2 bis 3 Kilometer entfernte Lager Jungfernhof, einen kleineren Teil in das Ghetto Riga. Betty Wallach widerstand als junge Frau jahrelang den unmenschlichen Lebensbedingungen und war auch den zahllosen Erschießungskommandos entgangen, um dann mutmaßlich mit anderen weiblichen Häftlingen des Reichsjudenghettos Riga am 6. August 1943 ins 35 Kilometer östlich von Danzig gelegene KZ Stutthof überstellt zu werden. Die Lager des Baltikums wurden vor der vorstoßenden Roten Armee geräumt. „Im Frühjahr 1944 wurde (im KZ Stutthof d. V.) eine Gaskammer gebaut, die einerseits der Entlausung von Bekleidung diente und ab dem Sommer auch zum Vergasen von Menschen genutzt wurde. Die Stutthofer Gaskammer war allerdings klein, ihre Kapazität reichte nicht aus, so wurden immer wieder Häftlinge in besonders abgedichteten Eisenbahnwaggons der ins Lager führenden Kleinbahn vergast.“

Bereits in einem Brief vom 23. Dezember 1946 teilte Lotte Borek-Wallach aus Wien die für sie unfassbar scheinende Nachricht Frau Katharina Halder in Laupheim mit, dass „meine kleine Schwester Betty nach Riga verschleppt und dann in Stutthof vergast wurde“. Ihr Bruder Luitpold Wallach bestätigte dies in einem Aufsatz aus dem Jahr 1982.13)

Karl und Rosa Wallach waren nach ihrer Zwangsumsiedlung im Oktober 1941 in die Baracke der Wendelinsgrube 3 unter den Transportnummern 803 und 804 bereits auf der ersten Liste der zur Deportation nach Riga eingeteilten Juden aus dem Kreis Biberach vermerkt. Aufgrund einer schweren Erkrankung von Rosa gestanden die Nazis ihr und ihrem Mann zu, in der Baracke der Wendelinsgrube 3 zu verbleiben. Dort ist Rosa Wallach, ohne ärztliche Hilfe erhalten zu haben, schließlich ein halbes Jahr später am 24. Mai 1942 verstorben. Sie wurde auf dem jüdischen Friedhof, Grabstelle S 30/1, in Laupheim begraben.

Für Karl Wallach bedeutete der Aufschub wohl, seine kranke Frau pflegen und Abschied nehmen zu können, ein Entrinnen gab es für ihn wie für alle anderen in Laupheim verbliebenen Juden nicht. Gemeinsam mit Arthur und Luise Grab, geborene Laupheimer, aus Laupheim sowie 10 weiteren Personen aus der Heil- und Pflegeanstalt Heggbach wurde er am 10. Juli 1942 vom Laupheimer Westbahnhof nach Stuttgart und von dort am 13. Juli 1943 mit dem Ziel Auschwitz deportiert. Der Transport gilt laut Aussage der Israelitischen Kultusgemeinde Württemberg vom 18. Februar 1948 von Chemnitz ab als verschollen.14)

 

Nach 1945

Leopold Wallach, der sich nun Luitpold nannte, machte nach erneuter Promotion, weil seine deutsche nicht anerkannt worden war, Karriere und wurde Professor of the Classics im Department of Classics an der Staatsuniversität von Illinois in Urbana. So publizierte der mittellateinische Philologe und Mittelalterhistoriker Studien zur karolingischen Geschichte und Literatur u.a.m. 1957 hat Luitpold Wallach eine neue und verbesserte Ausgabe der Chronik des Berthold von Zwiefalten, über die er 1932 promoviert hatte, veröffentlicht. Zwei Jahre später disputierte er das Thema seiner Abschlussarbeit an der Berliner Hochschule für die Wissenschaften des Judentums in der Publikation „Liberty and letters The thoughts of Leopold Zuns“.

  

Karl Wallach.                                  Rosa Wallach.

 

Zu seinem 65. Geburtstag erschien 1975 in Stuttgart eine ihm gewidmete „Monographie zur Geschichte des Mittelalters“, die die Wertschätzung internationaler Fachkollegen für den Gelehrten Wallach zum Ausdruck bringen sollte.

Nach dem Krieg war Luitpold Wallach immer wieder auf Forschungsreisen in Europa und auch Deutschland. So führten ihn dabei Besuche mehrfach nach Laupheim, wo er ihm vertraute und vertrauenerweckende Personen wie die Familie Halder und Josef Braun aufsuchte und mit ihnen in Kontakt blieb. Luitpold Wallach hatte spät geheiratet und war ohne Nachfahren geblieben.

Seine beiden Schwestern lebten in den USA. Ob sie je wieder deutschen Boden betreten haben, ist nicht bekannt. Charlotte Wallach hatte ihren eigenen Angaben und denen ihres einzigen Bruders zufolge die NS-Zeit in Ungarn unentdeckt überlebt und nach eigenen Aussagen unerträgliche Strapazen erlitten. Das Nachkriegsjahr verbrachte sie in Wien. Einen Brief von dort an die Familie Halder hat sie mit dem Namen Lotte Borek-Wallach unterzeichnet. 1947 ist sie zu ihren überlebenden Geschwistern Luitpold und Saly in die USA gereist, wurde nach Angaben ihres Bruders aber nie wieder ganz gesund. Übers Saly weiteres Leben in den Staaten ist leider nichts publik geworden oder zu recherchieren gewesen.


 

Anmerkungen zu Wallach:

1) Standesamt Laupheim, Familienregister V, S. 298; Schreiben des Stadtarchivs München vom 9. 1. 2003; Adreß- u. Geschäftshandbuch Laupheim, 1925, S. 16.

2) Weil, Jonas: Verzeichnis von Kriegsteilnehmern der israelitischen Gemeinde Laupheim, Laupheim 1919, S. 78.

3) Stadtarchiv Laupheim FL 1041.

4) Laupheimer Verkündiger, 21. 12. 1923 und 17. 1. 1925. Museum zur Geschichte von Christen und Juden, Schloss Großlaupheim.

5) Gespräch mit dem Sohn von Alois Ruf, Walter Ruf, Schönebürg, am 9. 8. 2003.

6) Grundbuchamt der Stadt Laupheim Nr. 359 a.

7) Lebenszeichn. Juden aus Württemberg nach 1933. Hrsg. von Walter Strauss. gerlingen 1982, S. 329.

8) Keil, Heinz: Dokumentation über die Verfolgung der jüdischen Bürger von Ulm/Donau, 1961.

9) Staatsarchiv Sigmaringen, 42; Emmerich, Rolf: BETH HA-SETER, „das Haus des Buches Die jüdische Schule in Laupheim. Aus; Schwäbische Heimat 2000/1,S. 76; Gespräch mit Josef Braun und Frau im August 2004.

10) Vgl. Anm. 7, Kreisarchiv Biberach 034/ Az 7613/6.

11) Kreisarchiv Biberach 034/     Az 7613/6.

12) Ebenda; Staatsarchiv Ludwigsburg PL 32.

13) Weglein, Resi: Als Krankenschwester im KZ Theresienstadt, Stuttgart 1990, S. 15 ff. Schmidt, Hartmut: Zwischen Riga und Locarno. berlin, 2001, S. 130 ff.

14) Kreisarchiv Biberach: 034/Az 6104 3–7.

15) Bast, Karl (Hrsg.): Monographien zur Geschichte des Mittelalters. Beiträge Luitpold Wallach gewidmet. Stuttgart 1975.

 

 

Bildnachweise:

Museum zur Geschichte von Christen und Juden, Schloss Großlaupheim. Archiv Ernst Schäll, Laupheim.

Archiv Michael Schick, Laupheim. Kreisarchiv Biberach 036/F7613/4.

 

 

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