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Die jüdische Gemeinde Laupheim und ihre Zerstörung

Gedenkbuch Seiten 153 - 158

EINSTEIN, Emanuel,

Viehhandel, Kapellenstraße 21/1

 

DR . ANTJE  H LE RSCH MI DT

Emanuel Leopold Einstein, geb. 17. 8. 1865 in Laupheim, OO Mathilde, geb. Levy, geb. 25. 3. 1868 in Buttenhausen, gest. 22. 7. 1937 in Laupheim.
 Luise Einstein, verh. Heumann, geb. 18. 2. 1894 in Laupheim, gest. 21. 11. 1982 in Cincinnati, USA,
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Richard Hugo Heumann, geb. 30. 9. 1885 in Laupheim, ermordet in Auschwitz am 5. 9. 1942,
Marianne Heumann, geb. 13. 8. 1920 in Laupheim, gest. 18. 10. 1991 in Bonnieux, Frankreich,
Franz Benno Heumann, geb. 5. 3. 1927 in Ulm,
 Hugo Einstein, geb. 8. 10. 1895 in Laupheim, Wegzug am 4. 5. 1920 nach Tübingen.

 

Das Foto zeigt die stolzen Großeltern Emanuel und Frau Mathilde Einstein vermutlich mit ihrer damals etwa 5jährigen Enkelin Marianne Heumann. Es entstand um 1925 in Laupheim, während der Zeit der Weimarer Republik, in den so genannten Goldenen Zwanzigern. Die Weimarer Republik bescherte damals den Menschen nach turbulenten Anfangsjahren mit dem Abschluss des Versailler Vertrages 1919, dem Kapp-Putsch 1920, dem Hitlerputsch 1923 und der Inflation bis 1923 endlich eine stabilere und ruhigere Lebenssituation.

In Laupheim gab es zu dieser Zeit zahlreiche Einstein-Familien, von denen einige Vertreter im Gedenkbuch zu finden sind. Sie sind alle mehr oder weniger miteinander verwandt, denn im Wesentlichen gehen sie auf Leopold Einstein (1720–1796) und dessen Frau Esther, geb. Öttinger (gest. 1811), zurück. Das Paar gehörte zu den Juden, die im Zuge des 18. Jahrhunderts im Rahmen der drei Judenschutzverträge unter der Adelsfamilie von Welden nach Laupheim gezogen waren. Ihre Gräber gehören zu den ältesten auf dem jüdischen Friedhof in Laupheim.

Emanuel Leopold Einstein, der am 17. August 1865 in Laupheim geboren wurde, war der Sohn von Leopold Emanuel Einstein (1824–1900) und dessen Frau Louise, geb. Laupheimer (1831–1892). Er gehört somit zur fünften Generation der Einsteins in Laupheim. Zu seinen am Ort ansässigen Cousinen und Cousins gehörten unter anderen Amalie Höchstetter geb. Einstein, Emilie Bernheimer geb. Einstein, Helene Hofheimer geb. Einstein, Pauline Nördlinger geb. Einstein und der Hopfenhändler Max Einstein. Ihre Lebenswege wurden ebenfalls im Gedenkbuch festgehalten. Wie sie wuchs auch Emanuel Leopold Einstein in Laupheim auf und blieb seinem Heimatort treu verbunden. Zeit seines Lebens lebte er in der Kapellenstraße 21.

Dort bzw. von dort aus betrieb er auch Viehhandel, der eine wichtige Rolle in der Beziehung zwischen Christen und Juden einnahm. Im Viehhandel, besonders Pferde und Rindervieh betreffend, waren Juden traditionell stark vertreten. Dabei nahmen sie eine Vermittlerrolle zwischen den Bauern und den lokalen Viehmärkten ein. Seine Handelstätigkeit hatte Emanuel Einstein sicher in die oberschwäbische Umgebung geführt, unter anderem nach Buttenhausen, wo es ebenfalls eine jüdische Landgemeinde und lokale Viehmärkte gab. In diesem Zusammenhang dürfte er seine zukünftige Frau kennengelernt haben. Am 22. Dezember 1892 heiratete er im Heimatort seiner Braut, Buttenhausen, Mathilde Levy, die am 25. März 1868 als Tochter des Handelsmannes Mayer Levy und des- sen Frau Sara geb. Lindauer geboren wurde. Lebensmittelpunkt des Paares wurde aber Laupheim, wo das Paar im Elternhaus des Mannes in der Kapellenstraße 21 wohnte.

Aus der Ehe von Emanuel und Mathilde Einstein gingen zwei Kinder hervor. Am 18. Februar 1894 wurde ihre Tochter Louise Einstein geboren, die offensichtlich nach der zwei Jahre zuvor verstorbenen Großmutter väterlicherseits benannt wurde. Im Jahr darauf wurde am 8. Oktober ihr Sohn Hugo geboren. Beide verbrachten ihre Kindheit in Laupheim und besuchten die jüdische Volksschule. Danach dürften beide die Realschule mit Lateinabteilung absolviert haben. Hugo Einstein besuchte vermutlich den Zweig mit Latein und legte wahrscheinlich das Abitur ab, da er im Anschluss daran ein Medizinstudium aufnahm. Unterbrochen wurde dieses Studium durch den Ersten Weltkrieg. Im Januar 1915 rückte Hugo Einstein nach Ulm ein. Im selben Jahr noch nahm er am Vormarsch der deutschen Truppen nach Polen teil, wurde dann aber nach Westen, nach Frankreich, verlegt, wo er bei Verdun in der Offensive und im Stellungskrieg in der Champagne eingesetzt wurde. Aufgrund eines Herzfehlers kämpfte er seit dem Jahr 1916 nicht mehr an der Front. Sein letzter Dienstgrad war der eines Sanitätsunteroffiziers. Als solcher verrichtete er vermutlich in der Etappe, also in den Abschnitten hinter der Front, im Lazarett, seinen Dienst. Entlassen wurde er schließlich nach Beendigung des Ersten Weltkrieges am 16. Dezember 1918. Danach dürfte er sein Medizinstudium wieder aufgenommen haben. Die Dokumentation seines Wegzuges am 4. Mai des Jahres 1920 nach Tübingen war das letzte über ihn zu findende Lebenszeichen.

 

Hugo Einstein als Schüler der Laupheimer

Real- und Lateinschule 1910/1911.  (Archiv Ernst Schäll)

Seine Schwester Louise Einstein, auf dem Foto in der Mitte, dagegen verblieb in Laupheim und wuchs behütet in der Familie und jüdischen Gemeinde auf, war aber zugleich auch in das gesellschaftliche Leben in Laupheim integriert. Schön illustriert dies das Gruppenfoto der Tanzkränzchengesellschaft von 1911 auf folgender Seite, das zum Abschluss eines Tanzkurses unter der Leitung von Ballettmeister Geiger aus Ravensburg/Ulm im Gasthaus „Kronprinz“ in der Kapellenstraße, heute Alexis Sorbas“, aufgenommen wurde. Am Tanzkurs hatten vor allem Töchter aller Laupheimer Konfessionen teilgenommen, was die Koexistenz von Katholiken, Protestanten und Juden in Laupheim Anfang des 20. Jahrhunderts beispielhaft illustriert.

 

Von links: Emmie Bammert, Gustav Bach,

LuiseEinstein, Anna Stuber.




Auf dem Bild sind von links nach rechts zu sehen:
1. Reihe, sitzend: Rieser (isr.), Hilda Löffler, Resle Ott (aus Bronnen), Gustav Bosch, Cläre Friedberger (isr.), Luise Spleis (verh. Hermann);
2. Reihe stehend: Betty Obernauer (isr.), Josefine Speth (verh. Arnold), Emilie Bammert, Anna Stuber (verh. Knoll), Lina Stumpp (verh. Raff), Pauline Egge;
3. und oberste Reihe: Adolf Scheffold (Dipl.-Ing., ab 1945 kommissarischer Bürgermeister von Laupheim),  Martha Gerhard (verh. Moosmayer), Louise Einstein  (verh. Heumann) (isr.), Hans Sauter (im Ersten Weltkrieg gefallen).
  

Welche Ausbildung Louise in den folgenden Jahren erhielt, ist nicht bekannt, ebenso wenig ob sie berufstätig war. Am 26. Oktober 1919 heiratete sie jedenfalls den aus Laupheim stammenden Richard Heumann, der als Direktor der Gewerbebank zu den renommiertesten Vertretern der jüdischen Gemeinde der Zeit gehörte, und wohnte mit ihm bis zu ihrer Emigration 1935 nach Paris in der Kapellenstraße 15. Ihr weiteres Leben an seiner Seite wird im Zuge der Familie ihres Mannes, nämlich unter dem Namen der Familie Bertha Heumann, geschildert. Verläuft die Biografie des Paares in der Zeit der Weimarer Republik relativ ruhig und unspektakulär, ändert sich das leider schlagartig mit dem Jahr 1933, als die Nazis an die Macht kamen und diese – sowohl rasch als auch äußerst systematisch – immer stärker an sich rissen. An dem jüdischen Gewerbebankdirektor Richard Heumann wurde letztlich ein Exempel statuiert, um ihn seines Postens zu entheben und schließlich seine Familie sowie die gesamte jüdische, aber auch christliche Einwohnerschaft Laupheims einzuschüchtern. Zum Weiterlesen sei auf den Artikel zur Familie Bertha Heumann verwiesen.

Die Eltern von Louise blieben auch nach der Emigration der Familie ihrer Tochter in Laupheim und mussten hier die zunehmende Ausgrenzung und Entrechtung erleben. Das Geschehen im Jahr 1933, das Richard Heumann und seine Frau Louise am eigenen Leib erfuhren, hatte sicher zu dem baldigen Entschluss geführt zu emigrieren. Emanuel Einstein bemühte sich im Namen seines Schwiegersohnes um einen Beleg für dessen Haft, was unter dem Vorwand, dass dies für bereits ausgewanderte Juden nicht möglich sei, abgelehnt wurde.

Der unten abgedruckte Teilabdruck des Dokuments zeigt die Originalunterschrift des Antragsstellers.

 

Den älteren Generationen jüdischer Laupheimer fiel es grundsätzlich schwerer als den jüngeren, mit ihren Kindern die angestammte Heimat Laupheim zu verlassen, so auch Emanuel und Mathilde Einstein. Erst nach dem Tod von Mathilde Einstein am 22. Juli 1937 dachte der nun allein in Laupheim zurückgebliebene, 72jährige Emanuel Einstein an eine Auswanderung. Doch zunächst führte ihn nach Vorlage eines amtsärztlichen Zeugnisses aufgrund eines Asthmaleidens 1937 eine Reise nach Paris zu den Kindern Richard und Louise Heumann und Enkeln Marianne und Franz Benno. Erst im Jahr darauf entschloss sich Emanuel Einstein, endgültig zur Familie seiner Tochter nach Frankreich zu emigrieren. Als Vorwand für seine Ausreise am 30. Mai 1938 gab er dem Landrat in Laupheim, der es der Gestapo Außendienststelle Ulm weitermeldete, an, wieder eine drei bis vierwöchige Erholungsreise wegen seines Asthmas nach Paris unternehmen zu wollen. Dieses Mal kehrte er nicht mehr nach Laupheim zurück.

Das Haus der Einsteins mit Stadel in der Kapellenstraße 21 wurde an die ledige Milchverkäuferin Elise Häussler aus Ulm zu einem Preis von 10500 Reichsmark verkauft. Der Preis war zu niedrig angesetzt. Von dem Geld dürfte Emanuel Einstein kaum etwas erhalten haben, da zwei Grundschuldeintragungen seitens der Gewerbebank in Höhe von 3000 und 6000 Reichsmark mit einbezogen wurden und als Grund der Veräußerung die Realisierung der Sicherheiten für Darlehen durch den Gläubiger angegeben wurde, was einer Zwangsversteigerung im heutigen Sinne gleich kam. Inwiefern im Zuge der Restitution etwas geregelt wurde, ist nicht bekannt. Emanuel Einstein bemühte sich 1949 mit Hilfe des Rechtsanwalts und Notars Ostertag aus Stuttgart um die Rückerstattung seines Hausrates, den er in Laupheim hatte zurücklassen müssen. Der Verweis des Finanzamtes Biberach auf fehlende Akten, d. h. Inventarverzeichnisse und Versteigerungsprotokolle, macht deutlich, dass es für ihn keine Entschädigung gab.

Emanuel Einstein, der 1938 nach Paris emigrierte, war dort mit seiner Familie nicht in Sicherheit. Der Ausbruch des Zweiten Weltkrieges mit dem Überfall Deutschlands auf Polen am 1. September 1939 hatte auch Folgen für die deutschen Emigranten in Frankreich. Eine wirklich tragische Geschichte passierte dort seinem Schwiegersohn Richard Heumann und der Rest der Familie erlebte eine sehr abenteuerliche, aber vor allem gefährliche Flucht, die in der Schweiz endete und nach 1945 zur Auswanderung in die USA führte.

 

 

Quellen-, Literatur- und Bildverzeichnis:

Braun, Josef: Altlaupheimer Bilderbogen. Band 2. Weißenhorn 1988. S. 119–120. Hüttenmeister, Nathanja: Der Jüdische Friedhof Laupheim. Laupheim 1998.

Juden in Buttenhausen. Hrsg. v. der Stadt Münsingen. Münsingen 1994. Kreisarchiv Biberach 034/Bü 51 u. 54.

Neuhaus, Geoff: The Heumans of Laupheim. O.J. Standesamt Laupheim. Familienregister Band V. S. 237.

Weil, Jonas: Verzeichnis von Kriegsteilnehmern der israelitischen Gemeinde Laupheim. Laupheim 1919

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