voriges Kapitel

zurück zur Gesamtauswahl

nächstes Kapitel

Die jüdische Gemeinde Laupheim und ihre Zerstörung

Gedenkbuch Seiten  254 - 276

HEUMANN, Bertha,

Kapellenstraße 17

 

DR . ANTJE KÖHLERSCHMIDT

[Beno Heumann, geb. 27. 2. 1856 in Laupheim, gest. 26. 6. 1932 in Laupheim], OO Bertha Heumann, geb. Heumann, geb. 23. 7. 1861 in Laupheim, gest. 24. 2. 1939 in Wil, Schweiz.
Richard Heumann, geb. 30. 9. 1885 in Laupheim, ermordet am 5. 9. 1942 in Auschwitz, OO Luise Einstein, geb. 18. 2. 1894 in Laupheim, gest. 21. 11. 1982 in Cincinnati, Ohio, USA,
Marianne Heumann, geb. 13. 8. 1920 in Laupheim, gest. 18. 10.1991 in Bonnieux, Frankreich,
Franz Benno Heumann, geb. 5. 3. 1927 in Ulm, gest. 2005,
– [Marianne Heumann, geb. 23. 5. 1888 in Laupheim, gest. 11. 7. 1965 in Wil, Schweiz], OO Eugen Brandenburger, geb. 27. 2. 1884 in Wil, gest. 25. 6. 1956 in Wil, Schweiz],
[Hedwig Heumann, geb. 19. 1. 1892 in Laupheim, gest. 24. 11. 1988 in Cincinnati, Ohio, USA, OO Wilhelm Westheimer, geb. 5. 4.1888 in Erfurt, gest. 5. 4. 1961 in New York, USA]. 

 

Die mit diesem Teil der Heumann-Familie verbundene Lebensgeschichte ragt auf besonders tragische und dramatische Weise aus der Vielzahl der im Gedenkbuch dargestellten Schicksale der ehemaligen jüdischen Laupheimer heraus. An der Person Richard Heumann hatten die Nationalsozialisten bereits im Zuge der ersten deutschlandweiten antisemitischen Hetzkampagne am 1. April 1933 in Laupheim ein Exempel statuiert, womit sie ihn zum Rücktritt vom Posten des Direktors der Gewerbebank zwangen. Dies veranlasste die Familie zur Flucht nach Paris, wo Richard Heumann später als mutmaßlicher deutscher Kollaborateur von den französischen Behörden nach dem Überfall Hitlerdeutschlands auf Frankreich festgenommen wurde. Schließlich fiel er in deutsche Hände und wurde ins KZ Auschwitz deportiert, wo er ermordet wurde. Seinem Sohn Franz Heumann, der sich später Frank Homan nannte, und „Memoirs 1927 to 1946“ verfasste, ist es zu verdanken, dass unzählige Details des Lebens im französischen Exil, Briefe Richard Heumanns aus dem Camp-de-Gurs an seine Angehörigen sowie deren dramatische Fluchtgeschichte aus Frankreich mit Hilfe der Resistance in die Schweiz überliefert und im Folgenden nachzulesen sind.

 

Die Familie Beno und Bertha Heumann

Doch zunächst führt der Blick zurück nach Laupheim, wo die weit verzweigte Familie Heumann seit Generationen lebte. Über den am 26. Juni 1932 verstorbenen 76jährigen Vater der Familie, Beno Heumann, heißt es:

 „Der Bankier Beno, auch Baruch, hatte viele Ämter inne: Kassierer der Laupheimer Gewerbebank, Vorsteher der Kultusgemeinde, Gemeinderat, Mitglied im Aufsichtsrat der Laupheimer Werkzeugfabrik', Gründer und langjähriger Vorsitzender der Laupheimer Ortsgruppe des Central-Vereins, bevollmächtigter Vertreter Carl Lämmles in Laupheim, Fronmeister, Schriftführer und schließlich Vorsitzender im Kollegium des Israelitischen Vorsteheramtes, stellvertretendes Mitglied im Weiteren Rat der Israelitischen Landesbehörde für den Wahlbezirk Ulm sowie von 1918–1924 Mitglied der Landeskirchenversammlung.“
(Hüttenmeister, Nathanja: Der Jüdische Friedhof. Laupheim 1998. S. 506)

 

Die Bandbreite der hier angeführten Funktionen verdeutlicht die scheinbar selbstverständliche Koexistenz von Christen und Juden in Laupheim, die auf wirtschaftlicher und kommunalpolitischer Ebene zu einer fruchtbaren Zusammenarbeit zugunsten des Ortes gewachsen war. Das Zerbrechen der Koexistenz und Zusammenarbeit kann selbst am Grab von Beno Heumann nachvollzogen werden, das sich auf dem jüdischen Friedhof in Laupheim, Grabstelle N 26/3, befindet. Die Grabstätte sollte ursprünglich die letzte gemeinsame Ruhestätte des 48 Jahre verheirateten Ehepaares Heumann sein. Dem entsprechend war die rechte Seite des Grabsteins für die Gattin Bertha Heumann vorgesehen. Sie ist leer, weil diese vor den Nationalsozialisten aus ihrer Heimatstadt Laupheim zu ihrer Tochter Marianne Brandenburger in die Schweiz fliehen musste. Bertha Heumann starb schließlich am 24. Februar 1939 in Wil, Kanton St. Gallen, und wurde in Zürich begraben.

Das nachstehende Familienfoto aus dem Jahr 1893 oder 1894 führt noch einmal weiter zurück und zeigt Beno und Bertha Heumann mit ihren Kindern Marianne (geb. 23. Mai 1888), Hedwig (geb. 19. Januar 1892) und Richard (geb. 30. September 1885) (von links nach rechts).

 

 

Geheiratet hatten die Eheleute, die zugleich Cousin und Cousine waren, am 12. Mai 1884. Beide waren in Laupheim aufgewachsen und familiär verwurzelt. Sie gehörten bereits der dritten Generation der jüdischen Familie Heumann an, die in Laupheim sesshaft waren. Diesen Spuren folgten auch ihre drei Kinder. Sie dürften die jüdische Volksschule besucht haben und zumindest Richard Heumann war wahrscheinlich Schüler der Realschule Laupheim, bevor er eine Lehre zum Bankkaufmann absolvierte. Damit folgte er seinem Vater, der in ihrem Haus in der Kapellenstraße 17 das Bankhaus Heumann betrieb.

(„Laupheimer Verkündiger“ 15. 4. 1915)

Aussagen über das Leben und Wirken von Bertha Heumann waren wie zu vielen Frauen wenige zu finden. Doch ist bekannt, dass sie als Schatzmeisterin im Verband jüdischer Frauen für Kulturarbeit in Palästina tätig gewesen war.

Lotte Kwiatek, die Tochter von Hedwig Westheimer, erinnerte sich an ihre Großmutter:

 „Bertha war eine sehr intelligente und aktive Frau. Sie war eine begeisterte Briefmarkensammlerin, die mit Menschen aus der ganzen Welt in Briefwechsel stand und Briefmarken handelte. Ihre Briefmarkensammlung war äußerst umfassend. Sie war eine beständige Strickerin, ebenso spielte sie Solitär.“
(E-Mail von Frank Homan an Antje Köhlerschmidt vom 30. 7. 2004)

Als erste der Töchter heiratete die ältere Marianne Heumann im Jahr 1911 Eugen Brandenburger aus Wil in der Schweiz und verließ mit ihrem Ehemann Laupheim, um ihren Wohnsitz in der Schweiz zu nehmen. Dies wird der Familie mehr als zwanzig Jahre später zum Rettungsanker werden. Das Bild von Marianne und Eugen Brandenburger stammt allerdings aus viel späteren Nachkriegsjahren und zeigt ein vergnügt lachendes älteres Ehepaar.

Der einzige Sohn bzw. Bruder Richard Heumann diente während des Ersten Weltkrieges in der Infanterie und wurde bis zum Feldwebel befördert, was für einen Deutschen mit jüdischem Glauben völlig unüblich war. Während der Schlacht um Verdun 1916 wurde Richard Heumann verwundet, wodurch er einen Teil seines linken Oberarms verlor. Ein Teil des Schrapnells war jedoch in seinem Arm verblieben und bereitete ihm dauerhaft Beschwerden und Schmerzen, weshalb er später noch einmal von Dr. Mendler in Ulm operiert wurde, mit dem ihn eine tiefe Freundschaft verband. Da das Hobby seines Arztes die Malerei war, fertigte er von seinem Freund ein Porträt in Öl an, das am Ende des Artikels abgebildet ist.

 

Richard, Hedwig und Marianne Heumann (v. l.) 1918.

 

Am 26. Oktober 1919 fand im Hause Heumann eine Doppelhochzeit statt. Richard Heumann heiratete die ebenfalls aus Laupheim stammende Luise Einstein, während seine Schwester Hedwig Heumann den Kaufmann Wilhelm Westheimer aus Augsburg an diesem Tag ehelichte. Letztere verließ wie die ältere Schwester acht Jahre zuvor ihre Heimatstadt Laupheim.

 

Richard und Luise Heumann

Dem Adreß- und Geschäfts-Handbuch für die Oberamtstadt und die Bezirksgemeinden Laupheim aus dem Jahr 1925 zufolge wohnte das Paar in der Kapellenstraße 41, das Simon H. Steiner gehörte. Die Tochter Marianne, die nach der Schwester von Richard Heumann benannt wurde, kam am 13. August 1920 in Laupheim zur Welt der Sohn Franz Benno, auf dem Foto links, wurde am 5. März 1927 in Ulm geboren. Marianne besuche in Laupheim die jüdische Volksschule. Auf dem Foto (rechts) ist sie mit ihrem Vater abgebildet.

 

Richard und Luise Heumann waren in das gesellschaftliche Leben der Stadt Laupheim integriert und engagierten sich für das Gemeinwesen. So war Richard Heumann viele Jahre Mitglied der Schützenmannschaft und ist wie andere auch in dem Laupheimer Schützenmarsch aus dem Jahr 1910 von W. Preßmar in der 7. Strophe verewigt worden, in der es heißt: „Zwei Heumann und der Schwed' marschieren an der Tet“. Darüber hinaus fungierte er lange Zeit als Kassierer in derFreiwilligen Sanitätskolonne vom Roten Kreuz“ und in gleicher Funktion im Verein für Heimatkunde“. Dem Heimatmuseum machte er diverse Schenkungen, 1927 war es zum Beispiel eine aus Holz geschnitzte Madonna aus dem Barock. Luise Heumann nahm viele Jahre am Frauenturnen des TSV teil. Für den Bau einer Turn- und Festhalle engagierte sich Bankdirektor Richard Heumann im Ausschuss des zu diesem Zwecke von Christen und Juden in Laupheim gemeinsam gegründeten „Turnhallebau-Verein e.V. 1924“, der schließlich mit der Fertigstellung der Bühler-Halle 1927 erfolgreich war.

Richard Heumann war bereits zu Beginn der Weimarer Republik Direktor der Laupheimer Gewerbebank in der König-Wilhelm-Straße geworden. Er hat die Geschicke der Bank durch die unruhigen Jahre der noch jungen Demokratie mit dem Höhepunkt der Infla- tion 1923 und der Weltwirtschaftskrise im Jahr 1929 erfolgreich gelenkt.

 

1. April 1933

Gemäß des Aufrufs der Nationalsozialisten zum Boykott jüdischer Geschäfte und Warenhäuser, jüdischer Rechtsanwälte und Ärzte im gesamten Deutschen Reich zogen am Samstag, dem 1. April 1933, um 10 Uhr vormittags SA-Posten vor der Gewerbebank Laupheim in der König-Wilhelm-Straße auf. Sie stellten vor der Bank ein Schild mit der Aufschrift Wir fordern Absetzung des Bankjuden HEUMANN! auf, das neben einem SA-Posten auf dem Foto (nächste Seite) deutlich zu sehen ist. Die Ereignisse am 1. April 1933 ließen sich nahezu lückenlos rekonstruieren und sie zeigen, wie massiv und unter welchen fadenscheinigen Vorwänden die Nazis antisemitische Hetze und Druck auf einen anerkannten jüdischen Bürger Laupheims ausübten. Demnach wurde um 14 Uhr am Nachmittag eine ordentliche Sitzung des Vorstandes und Aufsichtsrates der Gewerbebank Laupheim, in Abwesenheit des Direktors Heumann, ein- berufen, um über die Forderung zu beraten. Einig wurde das Gremium sich in dieser Hinsicht, dass sie die NSDAP-Leitung um die Darlegung der Gründe ersuchte und erst danach eine Entscheidung treffen wollte.

Der Stationskommandant des Württ. Landjägerkorps in Laupheim, Hohl, berichtete noch am selben Tag an das Württembergische Oberamt Laupheim:

Heumann wurde deshalb heute Nachmittag während den Verhandlungen mit dem Aufsichtsrat und Vorstand der Gewerbebank zunächst im Banklokal bewacht und nachmittags 5 Uhr in Schutzhaft genommen und in das hiesige Amtsgerichtsgefängnis eingeliefert.“ (Staatsarchiv Sigmaringen 65/18 T5 A-Nr. 143)

Gewerbebank e.G.m.b.H. Laupheim in der König-Wilhelm- Straße am 1. April 1933.    

(Foto:-Archiv Günther Raff)

Diese sogenannte „Inschutzhaftnahme“ des Bankdirektors Richard Heumann hatte in erster Linie der NSDAP-Kreisleiter Oberlehrer Hörmann betrieben, der am Nachmittag beim Stationsleiter Hohl erschienen war. Als Begründung führte Hörmann zwei Telefonate von Richard Heumann an, eines in die Schweiz und eines mit Herrn Friedland in Berlin, der beabsichtige, in die Schweiz auszureisen. Als Gewerbebankdirektor habe er zudem Zugriff auf das Vermögen der Bank. Die Verhängung der „Schutzhaft erfolgte dann im Einvernehmen mit dem Stationsleiter Hohl und dem Württembergischen Innenminister Dr. Dill.

In der Anzeige vom 4. April 1933 im Laupheimer Verkündiger behauptete Hörmann, dass die Verhaftung Richard Heumann rein privat betreffe. Diese offensichtliche Lüge diente ganz klar der öffentlichen Diffamierung der Person Richard Heumann. Um eine längere Haft zu erwirken, wurden weitere fadenscheinige Vorwürfe gegen der Direktor erhoben. Diese führte Richard Heumann in einem handschriftlich verfassten Brief vom 3. April 1933 aus dem Amtsgefängnis Laupheim an den Rechtsanwalt Dr. Schmid in Ulm a.D. aus:

 

„Die Ursache der Verhaftung erfahre ich erst heute, dem 3. April, so wurde mir gesagt, wenn ich angebe, wer das M.G. abgeholt habe, werde ich freigelassen.“ (Staatsarchiv Sigmaringen 65/18 T5 A-Nr. 143)

 

Dieses sei der Gewerbebank Laupheim 1919 zum Schutz der Bank zur Zeit der Inflation übergeben und 1924 wieder abgeholt worden. Richard Heumann erinnerte sich, weder eine Quittung erhalten noch gegeben zu haben und war bereit, dies zu beeiden, sich der Polizeiaufsicht, dem Passentzug u. a. zu unterwerfen. Am gleichen Tag kündigte er seinen Posten als Direktor der Gewerbebank Laupheim.

Erst am 5. April durfte ihn seine Frau Luise Heumann besuchen. Nach zweiwöchi- ger Haft im Amtsgefängnis Laupheim wurde Richard Heumann schließlich am 14. April 1933 entlassen. Das Württembergische Oberamt hatte am 11. April 1933 dazu festgestellt:

 „Die damals vorliegenden Gründe haben sich inzwischen verflüchtigt bzw. kann ein eigentlicher Grund für das Weiterbestehen der Schutzhaft überhaupt wohl nicht mehr geltend gemacht werden.“ (Staatsarchiv Sigmaringen 65/18 T5 A-Nr. 143)






(„Nationale Rundschau“ v. 4. April 1933.)

 

Es ist davon auszugehen, dass an dem Bankdirektor Richard Heumann, einem etablierten und anerkannten Vertreter der jüdischen Gemeinde Laupheim, ein Exempel statuiert worden ist, das zum einen auf die Einschüchterung und Bedrohung der Juden abzielte, aber auch die Reaktion der christlichen Laupheimer testete. Zu Widerstand gegen den Aprilboykott kam es in Laupheim wie in vielen anderen deutschen Städten nicht.

Neben dem einzigen jüdischen Häftling Richard Heumann waren im April 1933 einem Verzeichnis über die in Schutzhaft genommenen Personen des Württembergischen Oberamtes Laupheim zufolge elf andere Personen aus Laupheim und Rot inhaftiert. Sie waren z. T. wegen geringster Vergehen gegen SA und NSDAP bzw. deren Politik und Auftreten festgenommen. Unschwer lässt sich ausmalen, dass dies rasch publik wurde und auch in der christlichen Mehrheit der Laupheimer Bevölkerung seine einschüchternde Wirkung nicht verfehlte.

Auf der außerordentlichen Hauptversammlung der Gewerbebank Laupheim am Montag, dem 31. Juli 1933, berichtete der Aufsichtsratsvorsitzende, Schreinerehrenobermeister Mann, über die Ereignisse des 1. April und bezog Stellung:

 Trotz wiederholter Versuche des Aufsichtsrats, Heumann zu bestimmen, seine Kündigung rückgängig zu machen, gelang es nicht, Heumann zu diesem Schritt zu bestimmen. Nach Vertrag sind dem Scheidenden die Bezüge bis zum 31. Dezember zu bezahlen. Der Vorsitzende dankte im Namen des Aufsichtsrates und namens der Versammlung dem fr. Direktor für seine geleistete Arbeit und sprach ihm seine Anerkennung aus.“ (Staatsarchiv Sigmaringen Wü 65/18 T5 A-Nr. 143)

 

Noch in Laupheim

Nach einem Wohnungswechsel der Familie Heumann in die zweite Etage des Bankgebäudes in der König-Wilhelm-Straße arbeitete Richard Heumann in der Firma Simon H. Steiner GmbH, die mit Hopfen handelte und deren Inhaber enge Freunde der Familie waren. Bereits 1933 und dann Mitte 1934 wurden die Heumanns von christlichen Freunden informiert, dass das Leben von Richard Heumann in Gefahr war, weshalb die Heumanns nun ihre Emigration vorbereiteten.

 

Auf dem Weg ins Exil

Am Abend des 17. Juli 1934 packten Luise und Richard Heumann mit ihrem Sohn Frank ein wenig Gepäck und gingen nach Ulm, wo sie bei Dr. Hugo Neuhaus übernachteten. Am folgenden Tag fuhren sie mit dem Zug nach Zürich in die Schweiz, wo sie in der Pension Sternwarte“ in der Hochstraße 37 Unterkunft fanden, die einem Onkel Richard Heumanns, Alexander Heumann, gehörte. Dort lebten sie sechs Monate. Für Emigranten gab es in der Schweiz keine Arbeits- erlaubnis, deshalb reiste während dieser Zeit Richard Heumann nach Frankreich, Spanien und England, um Aufnahme und eine Beschäftigung zu finden bzw. ein Geschäft zu begründen, um den Unterhalt seiner Familie zu sichern. Mit Hilfe von Alexander Heumann und einigen anderen begründete er schließlich in Paris eine Firma für weiße Kragen, die damals separat in die Hemden eingeknöpft wurden. Noch vor der Übersiedlung der Familie im Januar 1935 war Tochter Marianne Heumann als Au-pair-Mädchen in eine französische Familie nach Paris geschickt worden, die für die Beaufsichtigung der drei kleinen Kinder Essen und Unterkunft erhielt.

 

Paris von 1935 bis 1939

Nach Ankunft in Paris nahmen die Heumanns eine kleine möblierte Wohnung in der Rue George Lardennois 92 ganz in der Nähe der Bastille. Nun stellte sich heraus, dass das Geschäft mit den weißen Kragen nicht genug Arbeit für jeden bot, so dass Richard Heumann gezwungen war, sich daraus zurückzu- ziehen. Mit Hilfe der Familie, vermutlich Hugo Einstein, dem Bruder von Luise Heumann aus Washington, erwarben sie eine kleine Wäscherei, genannt „Blanchisserie POUR VOUS“, in der Rue d’ Hauteville im 10. Arrondissement, die der Familie in den folgenden Jahren den Lebensunterhalt sicherte. Nach einem weiteren Umzug mieteten die Heumanns schließlich gegenüber ihrer Wäscherei eine unmöblierte Wohnung im 5. Stock. Diese konnten sie mit den Möbeln aus Laupheim ausstatten, da es ihnen gelungen war, sie aus Laupheim nach Paris zu holen. Darunter befanden sich Antiquitäten und Gemälde, die Richard Heumann ge sammelt hatte. Sie werden sich als finanzielle Lebensretter erweisen. Den achtjährigen Frank Heumann schickten die Eltern im Sommer 1935 in ein Sommerlager an die Atlantikküste in die Nähe von St-Nazaire, in dem niemand Deutsch sprach. Innerhalb von sechs Wochen lernte Franz gezwungenermaßen fast fließend Französisch. Im Anschluss daran besuchte er die „Ecole Communale de Garcons in der Rue Martel 5. 1938 schaffte er mit Hilfe seiner Schwester Marianne und Privatunterricht die Aufnahmeprüfung für das Lycée Montaigne im Quartier Latin.

  

 Luise und Richard Heumann vor der Wäscherei.

Richard Heumann und Emanuel Einstein in Paris.

 

In jenem Jahr 1938 verließ der Vater von Luise Heumann, Emanuel Einstein, das nationalsozialistisch dominierte Laupheim und kam nach Paris, um mit der Familie seiner Tochter zu leben. Er war zu diesem Zeitpunkt 73 Jahre alt, aber ein sehr energischer und aktiver Mann. Seine Frau Mathilde Einstein, geb. Levi, war am 22. Juli 1937 in Laupheim gestorben.

Die Tochter Marianne lebte in der Zwischenzeit auch bei ihnen und arbeitete als Näherin bei einem Couturier, das heißt bei einem Modeschöpfer. Zudem erledigte sie die Büro- und Sekretariatsarbeiten in einer 1938 von Richard Heumann und Hans Salm, einem anderen deutschen Flüchtling, gegründeten Im- und Exportfirma. Der Ausbruch des Zweiten Weltkrieges 1939 verhinderte ein Gelingen des Unternehmens.

Im Mai 1939 ließen Richard und seine Schwestern Marianne Brandenburger und Hedwig Westheimer als Erben das Elternhaus in der Kapellenstraße 17 in Laupheim an Rosa Fischbach aus Biberach verkaufen, was sicher auch als Schlussstrich unter die Geschichte dieses Familienzweiges der Heumanns in Laupheim in Anbetracht der politischen Situation, deren Änderung nicht absehbar war, zu verstehen ist.

Zur großen Freude seines Großvaters Emanuel Einstein feierte Franz Heumann,13jährig, 1940 seine Bar-Mizwa in einer Synagoge in Paris.

 

Der Ausbruch des Zweiten Weltkrieges 

Nach dem Überfall Deutschlands auf Polen am 1. September 1939 forderte Frankreich vergeblich den Rückzug der deutschen Truppen, die Polen innerhalb von drei Wochen überrannten und gemäß des Geheimprotokolls des Hitler-Stalin-Paktes besetzten. Bis zum Frühjahr 1940 herrschte eine heimtückische Ruhe in Frankreich, die die französische Regierung nutzte, um auf ihrem Territorium nach sogenannten feindlichen Ausländern zu fahnden und sie im Vel d’ Hiver, einem großen Stadion in der Nähe von Paris, zu inhaftieren. Richard Heumann wurde von den französichen Behörden trotz seiner „Staatenlosigkeit/ehemals Deutscher“ als Deutscher betrachtet und aufgefordert, sich im Stadion zu melden, wo er mit Tausenden eine geraume Zeit im November 1939 bleiben musste. Nach einem schriftlichen Bekenntnis der Treue zu Frankreich wurde Richard Heumann entlassen. Doch schon sechs Monate später, im Mai 1940, wurde er erneut von den französischen Behörden aufgefordert, sich in Vel d’ Hiver zu melden.

Frank R. Homan alias Franz Heumann:

„Ich erinnere mich, meinen Vater zum Eingang des Vel d'Hiver-Stadions im Mai 1940 begleitet zu haben, wir hatten die Metro benutzt. Er trug einen kleinen Koffer. Es war das letzte Mal, dass ich ihn gesehen habe.“
(
Frank Homan: „Memoirs 1927 to 1946“. Seite 20)

Die französische Angst vor einer soge nannten „Fünften Kolonne“ hatte zu den umfangreichen Verhaftungen hauptsächlich jüdischer Flüchtlinge aus Deutschland geführt. Zu dieser Zeit hatte Hitlerdeutschland die Niederlande, Belgien und Luxemburg überfallen. Da Frankreich bei der Verteidigung der französisch-deutschen Grenze auf die Maginot-Linie angewiesen war, war die Bedrohung eines deutschen Überfalls über Belgien unmittelbar. Nach der erneuten Verhaftung Richard Heu- manns ging für den Rest der Familie das Leben relativ normal weiter, Luise Heumann führte die Wäscherei und Franz ging zur Schule. Die deutsche Invasion in Frankreich Anfang Juni 1940 versetzte die Pariser in Angst und Schrecken, die zu einer Massenflucht von 10 Millionen Menschen in Richtung Süden führte. Auch Luise und Franz Heumann sowie Emanuel Einstein machten sich gemeinsam mit der befreundeten Familie Vogel, die aus der Mutter Hanna und den beiden Kindern Hans und Walter bestand, in deren Auto am 10. Juni 1940 auf den Weg. Auf Grund der verstopften Straßen kamen sie nur äußerst langsam voran. Bereits 25 Kilometer südlich von Paris, in der Nähe von Versailles, mussten sie das Auto wegen eines Batteriedefekts sowie Benzinmangels stehen lassen und zu F in einer Gruppe von sechs Personen im Alter von 11 bis 75 Jahren weiter flüchten. Ihr Weg führte über Châteaudun, Blois, Romorantin nach Selles-sur-Cher.

 

Busse vor dem Vel d’Hiver.

 

Frank Homan berichtete über ihre ersten Begegnung mit dem Krieg:

Während wir ein kleines Dorf durchquerten, gerade einige hundert F hinter einem kleinen Konvoi aus einem Feuerwehrwagen, einigen Handkarren und Menschen zu Fuß, hörten wir Flugzeuge, erst leise in der Ferne, dann lauter und lauter, gefolgt vom überdrehten Sound der deutschen Messerschmidt Sturzkampfbomber, genannt „Stukas“, im Sturzflug. Dann begann das Geräusch des Maschinengewehrfeuers. Wir rannten zum Durchgang des nächsten Hauses. Als wir herauskamen, sahen wir verschiedene Menschen des Konvois, die augenscheinlich verwundet und mit Blut bedeckt waren, die unmittelbar Hilfe brauchten. All dies machte einen wesentlichen Eindruck auf mich und ich denke wie die anderen zwei Jungen (Hans und Walter Vogel d.V.) dies war nicht länger ein interessantes Abenteuer wir waren erschreckt!"
(Frank Homan: „Memoirs 1927 to 1946“. Seite 25/26)

Fluchtaus Paris nach Selles-sur-C her.

(Frank Homan:.Memars 1927 to 1946 Seite 44)

 

Während der Nächte, die sie zum Teil unter freiem Himmel verbrachten, raubten ihnen die Flugzeuggeräusche und in der Ferne detonierende Bomben den Schlaf. Neben dem Mangel an Schlaf, der Erschöpfung durch die Tagesmärsche kam die Entbehrungen durch fehlende Nahrungsmittel hinzu. Am 16. oder 17. Juni erreichte die Gruppe schließlich den Stadtrand von Selles-sur-Cher. Als sie sich inmitten einer von Motorrädern angeführten Artillerieeinheit und Lastwagen voll bewaffneter Soldaten befanden, realisierten die Flüchtenden zu ihrem Entsetzen, dass sie sich inmitten einer deutschen Wehrmachtabteilung befanden, die sich zum Glück nicht für die unbewaffneten Zivilisten interessierte und freundlich auftrat. Dennoch hatten sie stetig Angst davor, dass sie jemand nach ihren Papieren fragen und entdecken würde, dass sie jüdische Flüchtlinge aus Deutschland waren. Auf der Suche nach einer Unterkunft klopfte die sechsköpfige Gruppe in einem französischen Dorf an das Haus der Familie Courtas, die ihnen nicht nur Unterkunft, Verpflegung, sondern auch jegliche weitere mögliche Unterstützung gab. Der Zufall stoppte das deutsche Vordringen in eben jenem Dorf und das am 22. Juni 1940 von Marschall Philippe Petain, dem neuen Chef der französischen Exilregierung, und Hitler unterzeichnete Waffenstillstandsabkommen legte eine Demarkationslinie zwischen dem besetzten und unbesetzten Teil Frankreichs fest. Sie verlief durch Selles-sur-Cher, mit dem Fluss Cher als Grenze. Fataler Weise befanden sich die Flüchtenden im von den Deutschen besetzten Teil. Hanna Vogel hatte erfahren, dass sich ihr Mann Simon Vogel in einem Lager im nichtbesetzten Teil befand. Mit Hilfe der Familie Courtas gelang es ihr und ihren Söhnen, die Demarkationslinie zu überqueren. Nach Zusammenführung mit dem Vater Simon Vogel gelang ihnen die lebensrettende Flucht über Spanien oder Portugal 1940 in die USA. Doch für Luise und Franz Heumann sowie Emanuel Einstein blieb die Frage, was sie tun sollten. Es gab keine Nachrichten von Richard Heumann, ihre finanzielle Situation war miserabel, so dass sie nach einem sechswöchigen Aufenthalt bei der Familie Courtas entschieden, nach Paris zurückzukehren. Zumal der Sohn der Familie, Jean Courtas, ein Pariser Polizeiinspektor, günstige Berichte aus Paris gesandt hatte, die eine Verfolgung von Juden nicht bestätigte. Jean Courtas holte sie Ende Juli 1940 in Paris vom Bahnhof ab und brachte sie in ihre Wohnung, die sie unverändert vorfanden.

 

Juli 1940 bis August 1942

Auf den Straßen von Paris waren nun die deutschen Besatzungstruppen anwesend, Nahrungsmittel, Brennstoffe u. a. war rationiert worden. Dennoch bemühten sich die Rückkehrer um die Wiederaufnahme ihrer bisherigen Lebensweise, Luise Heumann eröffnete nun wieder ihre kleine Wäscherei und Franz besuchte das Lycée St-Louis. Das Leben verlief die folgenden Monate scheinbar in ruhigen Bahnen, doch die drohende Gefahr durch die deutschen Besatzer war stets präsent und führte 1941 zur akuten Bedrohung der Juden in Frankreich. So mussten sie sich im September registrieren lassen, ihre Ausweise wurden mit Juif (dt.Jude) gestempelt und sie wurden kurz danach gezwungen, den berüchtigtenGelben Stern“, am Ärmel aufgenäht, zu tragen. Auch die Wäscherei hatte einen solchen Stern im Schaufenster anzubringen, so dass der Betrieb gleich als jüdischer zu erkennen war. Zudem wurden ihnen als Besitzer der Wäscherei Sonderzahlungen auferlegt.

Luise Heumann versuchte während dieser Zeit mehrfach bei der Gestapo, das Schicksal ihres Mannes in Erfahrung zu bringen. Dies war vergeblich. Richard Heumann selbst konnte auf postalischem Weg wieder den Kontakt zu seiner Familie herstellen und sie informieren. Im Mai 1940 war er aus dem Stadion Vel d’ Hiver in das Lager St-Antoine bei Albi (Tarn) überführt worden. Dies hat er kurzzeitig verlassen können und bei einem Kurzbesuch die Familie Vogel bei Oloron getroffen, kurz nachdem sie über die Demarkationslinie geflüchtet war. Kurze Zeit darauf wurde Richard Heumann in das berüchtigte Lager Gurs in der Nähe der Pyrenäen gebracht, wo die Lebensbedingungen menschenunwürdig waren. Auch hier wurde er für kurze Zeit entlassen und lebte eine Zeit mit der Schweizer Familie Schmitz in Tambouret, Ecosse. Die Vichy-Regierung des nichtbesetzten Teils Frankreichs kooperierte mit Hitlerdeutschland und begann 1941 in deren Auftrag die registrierten ausländischen Juden in Vorbereitung auf eine Deportation zu sammeln, so dass Richard Heumann erneut verhaftet und im Lager Le Vernet inhaftiert wurde. Während dieser Zeit hatte er Kontakt mit seiner Tochter Marianne in New York, den Brandenburgers in Wil, Schweiz, und natürlich mit seiner Familie in Paris.

Frank R. Homan alias Franz Heumann:

„Ich habe mich oft gefragt, warum mein Vater nicht versucht hat, in die Schweiz oder nach Spanien während seiner Zeit in Freiheit zu fliehen und statt dessen mit den Schmitz’ lebte. Es gab dafür wahrscheinlich verschiedene Gründe, doch das Stärkste bestand darin, dass er uns (seine Frau, seinen Schwiegervater und Sohn) nicht aufgeben wollte. Briefwechsel (in meinem Besitz) mit seiner Schwester Hedwig West, dann in New York, bezeugen seine verzweifelten Versuche, US-Emigrationsvisa und die notwendigen Affidavits für die USA zu bekommen. Ich bin sicher, dass er glaubte, zumindest am Anfang, dass wir alle im nichtbesetzten Teil Frankreichs wiedervereinigt sein könnten. Er hatte offensichtlich keine Warnung erhalten, dass die Deportationen nach Polen bevorstanden. Mein Vater war stets der Optimist in der Familie.“
(Frank Homan: „Memoirs 1927 to 1946“. Seite 44.)

 

In Paris suchte am 15. Juli 1942 der befreundete Pariser Polizeiinspekteur Jean Courtas die Wäscherei auf und warnte Luise und Franz Heumann sowie Emanuel Einstein vor einer bevorstehenden Razzia, bei der nach seinem Wissen am nächsten Tag hauptsächlich männliche Juden festgenommen werden sollten. Auf seine Empfehlung hin versteckten sie Franz Heumann in der Wohnung der Vermieterin Madame Gaudineau. Am 16. Juli 1942 gegen 4.00 Uhr morgens klopfte es an die Tür der Wohnung der Heumanns. Einige französische Polizisten standen davor und fragten unerwartetet nach Luise Heumann, forderten sie auf, sich anzuziehen und in einer Stunde mit Handgepäck fertig zum Verlassen der Wohnung zu sein. Luise Heumann weigerte sich dem unsinnigen Befehl nachzukommen und erklärte laut und eindringlich, dass sie schwer krank sei. In den sich anschließenden Disput eilten ihr Madame Gaudineau und Madame Morin zu Hilfe, die den Polizisten inhumane Behandlung vorwarfen. Nach einem großen Aufruhr im Haus und intensiven Beratungen erlaubten die Polizisten schließlich Luise Heumann unter der Bedingung dazubleiben, dass sie ein ärztliches Attest über ihre tödliche Erkrankung beibringe. Ihr Arzt stellte es ihr aus. Doch das Ereignis hatte den Heumanns unmittelbar vor Augen geführt, was folgen würde, und auf das Glück, dem nochmals zu entkommen, wollte niemand setzen. Deshalb entschlossen sie mit Hilfe von Madame Morin, sich in einer leerstehenden Wohnung zu verstecken und alles für die Flucht in den nicht okkupierten Teil Frankreichs vorzubereiten. Vor allem Geld, falsche Ausweispapiere und Hilfe beim Überqueren der Demarkationslinie waren dafür notwendig. Um das Geld für die Flucht aufzubringen verkauften sie alles, was aus Richard Heumanns Sammlung von Antiquitäten klein und tragbar war, und weil Franz Heumann es zu einem Antiquitätenhändler in der Nachbarschaft bringen wollte, ohne große Aufmerksamkeit zu wecken. Dabei trug er natürlich seinen Gelben Stern nicht. Unter den verkauften Dingen waren ein unsignierter Kupferstich aus dem 15. Jahrhundert mit Maria und dem Kind, eine Ludwig-XV.-Frisierkommode und einige kleinere orientalische Teppiche. Obwohl es für Emanuel Einstein ein großes Opfer war, verkaufte er sogar seine goldene Taschenuhr, ein Hochzeitsgeschenk seiner verstorbenen Frau.

Die okkupierten und die freien Teile Frankreichs.


Auf der Flucht

Nach drei Wochen in ihrem Versteck in Paris packten sie ihr tragbares Gepäck und nahmen, ausgerüstet mit falschen Papieren, den Zug nach Bourges in die Nähe der Demarkationslinie, wo sie die Nacht in einem kleinen Hotel verbrachten, bevor sie am nächsten Tag illegal die Grenze zwischen dem okkupierten und demfreien Frankreich überschritten. Zu F erreichten sie den Ort Dun-sur-Auron, von wo sie nach Bellac reisten. Dort wurden sie nach einem zweiwöchigen Aufenthalt am 17. August 1942 von französischen Polizisten wegen unerlaubten Überschreitens der Demarkationslinie verhaftet und mit der Eisenbahn in das französische Konzentrationslager Nexon in Haute-Vienne zirka 40 Kilometer südlich gebracht, wo sie für kurze Zeit, Männer und Frauen getrennt voneinander, interniert wurden. Am Ende der Woche wurde der 77jährige Emanuel Einstein wegen seines hohen Alters entlassen, der daraufhin allein und des Französischen nicht mächtig nach Bellac zurückkehrte. Luise und Franz Heumann wurden nach zirka zweiwöchiger Haft in das weiter entfernte Lager nach Rivesaltes deportiert und dort interniert.

Frank R. Homan in seinen „Memoirs 1927 to 1946“, S. 73:

Was ich erinnere, war, dass es sehr groß war: Ich lernte, dass es beinahe zwei Meilen lang war und 32 Acre (1 Acre = 4047 m2). Es war in Blocks von Baracken geteilt, 150 insgesamt, die großen einstöckigen Gebäude ohne Teilung und mit einem Zementboden. Wir schliefen auf Stroh mit Männern und Frauen im gleichen Gebiet. Ich erinnere mich, dass meine Mutter mich bat, in ihrer Nähe zu ihrem Schutz zu schlafen. Es gab keinerlei Aktivitäten, du hattest nur auf die Entscheidung der Behörden über dein Schicksal zu warten. Dieser Oktober und November waren sehr heiß und trocken während des Tages. Das Gebiet wird auch die „Sahara Frankreichs genannt. Die Nahrung, während ich dort war, bestand hauptsächlich aus Sellerie und Tomaten mit einer wöchentlichen Ration von Fleisch, einer Packung Kaugummi und einer täglichen Ration Brot.“

 

Unter äußerst glücklichen Umständen gelangten Franz und Luise Heumann aus dem Internierungslager und entgingen somit ihrer späteren Deportation in die großen Vernichtungslager des Ostens und ihrer Ermordung. Zehntausende ihrer ehemaligen Mitinhaftierten fielen dem wenige Monate später zum Opfer.

Am 3. Oktober 1942 konnte Franz Heumann dank des Einsatzes der Hilfsorganisation O.S.E., Œuvre de Secours aux Enfants“, die sich vorrangig um die Rettung von Kindern unter 15 Jahren bemühte, das Lager Rivesaltes verlassen. Mit anderen Kindern wurde er in ein Kinderhaus in Château de Montintin bei Château Chervix in der Nähe von Bellac und Limoges gebracht.

Am 10. Oktober 1942 wurde schließlich Luise Heumann aus dem Lager Rivesaltes freigelassen, was sie wohl der Hilfe eines der Vichy-Regierung nahe stehenden Mannes zu verdanken hatte, mit dessen Ehefrau sie während ihres Aufenthaltes im Hotel Bellac Freundschaft geschlossen hatte. Sie ging zunächst ganz in der Nähe des Lagers in ein Hotel in Perpignan und versuchte Ausreisevisa zu erhalten, was ihr misslang. Anschließend fuhr sie nach Aix-les-Bains an der Schweizer Grenze, um dort Vorbereitungen mit Hilfe von jüdischen Organisationen und dem französischen Widerstand für die Flucht in die Schweiz zu treffen. Während dessen hielt sie brieflichen Kontakt zu ihrem Sohn Franz Heumann im Château de Montintin und ihrem Vater Emanuel Einstein in Bellac. Ihr gelang es sogar eine offizielle Reiseerlaubnis zu erwirken, so dass sich die drei Mitte Dezember 1942 endlich in Bellac als Familie wiedervereinigen konnten. Mit falschen Papieren reisten sie nach Aix-les-Bains, wo sie sich weitere zwei Wochen aufhielten. Ein legales Verlassen Frankreichs war aufgrund der Kooperation der Vichy-Regierung mit Nazideutschland unmöglich geworden, so dass nur die lebensrettende Flucht über die Grenze blieb. Am 3. Januar 1943 nahmen die drei den Zug nach Annemasse, einer französischen Stadt, die als Winterskiort bekannt ist und nahe Genf liegt. Um nicht aufzufallen, passierte Franz Heumann mit einem kleinen Rucksack auf dem Rücken zunächst allein den Kontrollpunkt am Ende des Bahnhofes, der von deutschen Wachleuten, die von einigen französischen Polizisten zur Übersetzungszwecken assistiert wurden, besetzt war. Mutter und Großvater folgten unbehelligt.

Da die Region Annemasse, die eine große Nähe zu der Schweizer Grenze hatte, von den Deutschen als potentielle illegale Grenzübertrittsstelle betrachtet wurde, wollten sie die Bewachung der Grenze, die bei den Italienern lag, selbst übernehmen. Ein glücklicher Zufall für die Flüchtenden sorgte dafür, dass die Italiener bereits von der Grenze abgezogen waren und die Deutschen noch nicht Stellung bezogen hatten, so dass die Grenze unbewacht war. Die Nacht nutzten Franz und Luise Heumann sowie Emanuel Einstein, um unter Stacheldraht zu kriechen, einen Bach zu durchqueren, sich über frisch gepflügte Felder zu schleppen und endlich leichteres Territorium zu erreichen. Sie waren in der Schweiz!

 

Das Schweizer Exil von Januar 1943 bis 1946

Die ersten beiden Tage verbrachten sie im Hotel Regina in Genf, dann wechselten sie in die Pension Scheller. Sofort hatten sie Eugen und Marianne Brandenburger in Wil über ihre Ankunft informiert. Deren Rechtsanwalt aus St. Gallen setzte die Schweizer Polizei davon in Kenntnis, dass der Aufenthalt der drei Flüchtlinge dank von ihnen eingeholter Visa legal sei. Dies bewahrte sie davor, von der Schweizer Polizei nach Frankreich zurückgeschickt zu werden, wo sie die Deportation und damit der Tod erwartet hätte. Das Gelingen des Grenzübertritts garantierte noch lange nicht das Bleiberecht in der Schweiz und somit Sicherheit.

Am 18. Januar 1943 konnten Frank und Luise Heumann sowie Emanuel Einstein mit einer offiziellen Schweizer Reiseerlaubnis zu ihren Verwandten nach Wil fahren, wo sie für die nächsten drei Jahre großzügig Unterkunft und Unterstützung erhielten. Franz bekam zunächst für die ersten Wochen einen Aushilfsjob als Bote, Einpacker u. a. im Bekleidungsgeschäft seines Onkels. Einige Monate später vermittelte ihm dieser eine Stelle als Lehrling bei der Firma Gebrüder Sulzer“ in Winterthur, die in jener Zeit Weltmarktführer in der Herstellung von Dieselmo- toren für Schiffe und Aggregate war. Zwar erhielt er keinen Lohn, dafür eine Ausbildung in der Lehrwerkstatt und den Besuch in der Berufsschule, was wegweisend für seine weitere berufliche Zukunft wurde. In der Abendschule lernte Franz Englisch. Die Idee, einmal zu Verwandten in die USA auszuwandern, war offensichtlich zu dieser Zeit schon geboren. Luise Heumann schrieb an verschiedene Hilfsorganisationen, um über das Schicksal ihres Mannes Richard Heumann etwas in Erfahrung zu bringen. Ohne Ergebnis!

 

Auswanderung in die USA im Mai 1946

Nach Ende des Krieges erhielten Franz und Luise Heumann sowie deren Vater Emanuel Einstein Einreisevisa für die USA, die durch eine Garantie von Hugo Einstein, Luises Bruder, möglich geworden war. Dieser lebte in Washington DC und war bereits in den 1920er Jahren in die Staaten ausgewandert. Auf ihrem Weg nach Göteborg in Schweden durchquerten die drei im Mai 1946 das zerbombte Deutschland und dann Dänemark. An Bord der SS Gripsholm verließen sie Europa und erreichten am 1. Juni 1946 New York.

 

 

Abreise aus Europa.

 

Sie wohnten die ersten Jahre bei Dr. Hugo und Mary Einstein in Washington DC. Luise arbeitete bei ihrem Bruder als Sekretärin. Ihr Sohn Franz besuchte dort zunächst die Schule, legte später die Abschlussprüfung als Maschinenbauingenieur an der Universität von Cincinnati ab und arbeitete im Anschluss daran für General Electric Co. in Cincinnati als Systemmanager für Jet-Motoren. 1951 heiratete Frank Homann, vormals Franz Heumann, Bernice Bibee, mit der er drei Söhne, Richard Paul, Steven John und Jeffrey Hugo, bekam. Auch diese gründeten Familien und haben heute Kinder. Frank Homan starb 2005 in Cincinnati. Seine Mutter Luise Heumann war 1965 nach Cincinnati zur Familie ihres Sohnes übergesiedelt, wo sie im Alter von 88 Jahren am 21. November 1982 verstarb.

  

  

Frank Homan (Franz Heumann).         Luise Heumann.

 

Marianne Heumann

Die Tochter Marianne Heumann hatte noch im Jahr 1939 dank der Bürgschaft ihres Onkels Hugo Einstein in die USA emigrieren können. In New York war sie zunächst als Schneiderin tätig und sicherte sich so ihren Lebensunterhalt. In Paris hatte sie bei verschiedenen Couturiers als Näherin gearbeitet, wo sie neben der neu gewonnenen Sprache und Heimat viele Freunde zurückgelassen hatte. Sie vermisste diese und Paris, so dass sie 1956 nach Frankreich zurückkehrte und sich eine kleine Wohnung im 5. Arrondissement an der Place St-Andre-des-Arts nahm. Sie blieb unverheiratet und arbeitete in einer Kunstgalerie. Später zog sie nach Bonnieux, wo sie am 18. Oktober 1991 starb.

 

Das Schicksal Richard Heumanns

Luise Heumann hatte auch nach dem Krieg an verschiedene Organisationen und Institutionen wie dem Roten Kreuz, den Vatikan und UNRAH geschrieben, um das Schicksal ihres Mannes zu klären. Sie fand heraus, dass die Inhaftierten der Lager im südlichen Frankreich zunächst in Drancy konzentriert wurden, bevor sie in die Vernichtungslager im Osten Europas, vornehmlich ins Konzentrationslager Ausschwitz, deportiert wurden. Gewissheit erhielt die Familie trotz allen Bemühungen jedoch nicht.

Erst am 15. April 1991 führten Recherchen für seine Memoiren Frank R. Homan, alias Franz Benno Heumann, an das Hebrew Union College in Cincinnati. Auf Seite 151 des Buches „Memorial to the jews deported from France. 1942–1944“ von Serge Klarsfeld fand er den Namen seines Vaters verzeichnet. Richard Heumann wurde offenbar am 8. August 1942 vom Lager Le Vernet nach Drancy bei Paris verbracht, wo der Zug von den Deutschen übernommen wurde. Sein Vater wurde im Konvoi 18 am 12. August 1942 von Drancy nach Auschwitz deportiert. Im Dezember 1999 erfuhr Frank R. Homan schließlich von der Existenz der „Sterbebücher von Auschwitz“. Demnach erreichte der Konvoi 18 am 13. August 1942 Ausschwitz. Von den 1007 Juden wurden 712 unmittelbar nach der Ankunft vergast, während 233 Männer und 62 Frauen davon ausgenommen wur- den, um vermutlich verschiedenen Arbeitskommandos zugeordnet zu werden. Richard Heumann, der die Häftlingsnummer 28171 erhalten hatte, war unter ihnen. Zu diesem Zeitpunkt war er 57 Jahre alt, invalid und nicht in der Lage harte körperliche Arbeit zu leisten. Am 5. September 1942, 23 Tage nach seiner Ankunft, starb Richard Heumann im Konzentrationslager Auschwitz.


 Porträt von Richard Heumann, gemalt von Dr. Mendler aus Ulm.


Quellen:

Braun, Josef: Alt-Laupheimer Bilderbogen. Band 1 u. 2. Laupheim 1985 u. 1988.,Foto-Archiv: Günther Raff, Laupheim.

Homan, Frank R.: Memoirs 1927 to 1946. 4. April 2005.

Hüttenmeister, Nathanja: Der Jüdische Friedhof. Laupheim 1998. S. 506. Kreisarchiv Biberach F 7613-31-1.

Laupheimer Verkündiger 1915 bis 1933.

Lebenszeichen: Juden aus Württemberg nach 1933. Hrsg. v. Walter Strauss nach 1933. Gerlingen 1982, S.115–116.

Museum zur Geschichte von Christen und Juden im Schloss Großlaupheim. Ordner Müller 1996/0282. Neuhaus, Geoff: The Heumanns of Laupheim. 2004.

Staatsarchiv Sigmaringen 65/18 T5 Akzessions-Nr. 140, 143. Stadtarchiv Laupheim FL 9900.

Standesamt Laupheim. Familienregister Band V.

 

voriges Kapitel

zurück zur Gesamtauswahl

nächstes Kapitel