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Die jüdische Gemeinde Laupheim und ihre Zerstörung

  Gedenkbuch Seiten 350 - 353

LEWIN, Bella,

Kapellenstraße 34

 

DR . ANTJE KÖHLERSCHMIDT

[Leo Lewin, geb. 22. 10. 1882, Schwetz a. d. Weichsel, Bez. Graudenz, gefallen 9. 10. 1915 bei Ypern/Belgien], OO Bella Lewin, geb. Hirschfeld, geb. 29. 12. 1889 in Laupheim, Emigration am 1. 8. 1941 nach New York, USA, gest. 1964.
Lothar Lewin, geb. 27. 2. 1915 in Stuttgart-Feuerbach, gest. 1998.

 

Meine Mutter Bella Lewin, geb. Hirschfeld, war Kriegerwitwe. 1889 in Laupheim geboren, kam sie mit mir im August 1941 in die Vereinigten Staaten. Dort verdiente sie sich ihren Unterhalt als Säuglingsschwester. 1964 ist sie verstorben.

 

Die sachlichen und knapp gehaltenen Ausführungen Lothar Lewins über den Werdegang seiner Mutter, die im Buch Lebenszeichen. Juden aus Württemberg nach 1933.“ abgedruckt wurden, sind eine wichtige Spur ihres Lebens. Diesem Buch, das 1982 in Gerlingen erschienen ist, ist es zu verdanken, dass einige Lebensgeschichten emigrierter Laupheimer aus deren eigener Hand überliefert sind. Entstanden ist es dank einer Initiative von Walter Strauss, dem Vorsitzenden der Juden aus Württemberg in New York, der ihm bekannte emigrierte Württemberger aufforderte, ihre persönliche Geschichte für die Kinder und Enkel zu notieren, damit sie wissen, woher sie stammen. Den Druck unterstützte die baden-württembergische Landesregierung.

  

Bella Lewin als Frau Anfang Fünfzig.

(Staatsarchiv Sigmaringen)

Bella Lewin wurde als zweite und jüngste Tochter von Leopold Hirschfeld (1849–1905) und Pauline, geb. Heilbronner (1859–1932), am 29. Dezember 1889 in Laupheim geboren. Ihre zwei Jahre ältere Schwester Laura Hirschfeld heiratete Siegfried Kurz und ihr Lebensweg wurde bereits in einem vorangegangenen Artikel nachgezeichnet. Die Eltern der Schwestern hatten in der Kapellenstraße 34 eine Zigarettenhandlung unter dem Namen Leopold Hirschfeld & Co. betrieben, die später der Schwiegersohn Siegfried Kurz übernahm.

Über den Werdegang Bella Lewins ist nur wenig bekannt und das einzige Foto von ihr stammt aus den Akten des Staatsarchivs Sigmaringen. Am 30. Juli 1912 heiratete sie in Laupheim Leo Lewin, der am 20. Oktober 1882 in Schwetz a. d. Weichsel, Bez. Graudenz, geboren wurde. Die Ehe währte nur kurz, da bereits zwei Jahre später, am 5. November 1914, Leo Lewin in das Reserve-Infan- terieregiment Nr. 120 in Stuttgart als Ersatzreservist einrückte und als deutscher Soldat im Ersten Weltkrieg kämpfte. Seine Frau Bella Lewin war zu diesem Zeitpunkt bereits hochschwanger, denn der einzige Sohn des Paares, Lothar Lewin, wurde am 27. Februar 1915 in Feuerbach geboren. Es ist anzunehmen, dass Leo Lewin Fronturlaub anlässlich der Geburt seines Sohnes bekommen hatte. Doch der junge Vater fiel bereits am 9. Oktober 1915 bei Ypern in der Provinz Westflandern in Belgien. Der Ort Ypern war während des Ersten Weltkrieges in mehreren verlustreichen Schlachten stark umkämpft. In der zweiten Flandernschlacht vom 22. April bis 25. Mai 1915 konnte Ypern nicht von den Deutschen eingenommen werden, was zu einer Belagerung im Rahmen des Stellungskampfes führte, in deren Verlauf Leo Lewin schließlich ums Leben kam.

Die Daten Leo Lewins finden sich im Verzeichnis von Kriegsteilnehmern der israelitischen Gemeinde Laupheim“, das Jonas Weil 1919 angelegte. Insgesamt gibt es Eintragungen von 82 Männern der jüdischen Gemeinde. Neun von ihnen, das sind 11 Prozent, hatten ihr Leben für das deutsche Vaterland gelassen. Einer von ihnen war Leo Lewin. In diesem Zusammenhang erscheint es etwas ungewöhnlich, dass er in das Buch Eingang gefunden hat, da er und seine Frau nicht in Laupheim wohnten. Das bestätigt auch der Geburtsort des Sohnes, nämlich Stuttgart-Feuerbach. Nach dem Tod ihres Mannes ist Bella Lewin 1916 zu ihren Angehörigen, d. h. der Mutter Pauline Hirschfeld und der Familie ihrer Schwester Laura Kurz, zurück nach Laupheim gezogen. Als Adressen sind für die folgenden Jahre Bellas Elternhaus in der Kapellenstraße 33, aber im Laupheimer Adressbuch von 1925 der Judenberg 26, im Laupheimer Adressbuch von 1938 die Kapellenstraße 1 anzuführen. Die Rückkehr Bella Lewins mit ihrem Sohn Lothar dürfte zu dem Eintrag Leo Lewins in das oben genannte Verzeichnis geführt haben.

Für die in Laupheim verbrachte Zeit ihres Lebens konnten nur wenige Spuren ermittelt werden. Das einzige Bild von Lothar Lewin stammt aus seiner Schulzeit. Auf dem Foto des Mundharmonikaorchesters der Realschule aus dem Jahr 1928 sitzt der freundlich blickende dreizehnjährige Junge in der Mitte der ersten Reihe.




Ausschnitt vom Mundharmonika-Orchester der Realschule Laupheim 1928, 

ganz unten v. l.: Bernhard Kästle, Lothar Lewin, Burkert.

 

Neben einer Vielzahl von christlichen Mitschülern waren unter anderen Ernst Levy und Betty Wallach dabei, die wie er 1915 geboren waren.

Aus seiner Mitgliedschaft in dem Orchester lässt sich schließen, dass er Schüler der Realschule in Laupheim gewesen ist. Davor dürfte er von 1922 bis 1926 die jüdische Volksschule in der Radstraße besucht haben. Nach Abschluss der Realschule absolvierte er eine kaufmännische Lehre und zog 19jährig im Juni 1934 nach Stuttgart, worüber nichts Näheres bekannt ist. Der Kontakt nach Laupheim blieb sicher bestehen, da seine Mutter nach wie vor hier wohnte.

Am 30. Juli 1941 wanderten Bella und Lothar Lewin schließlich in die USA aus. Dies gelang ihnen buchstäblich in letzter Sekunde, da das Reichssicherheitshauptamt am 23. Oktober 1941 per Erlass anordnete, die Auswanderung von Juden mit sofortiger Wirkung zu verhindern. Dem folgten im November 1941 die ersten Deportationen in den Osten und schließlich die systematische Ermordung der deutschen und europäischen Juden.

Die näheren Umstände für das Gelingen ihrer Emigration, die im Jahr 1941 äußerst schwierig und selten war, sind nicht bekannt. Nahe liegend ist, dass der Neffe von Bella und Cousin von Lothar Lewin, Rudolf Kurz, ihnen behilflich gewe- sen sein dürfte. Er war 1940 in die USA ausgewandert. Bellas Schwester Laura Kurz, deren Schwager Rubin und Schwägerin Melanie Schwarz, geb. Kurz, blieben in Laupheim zurück. Sicher hatten auch sie versucht, ihre Emigration voranzutreiben. Woran diese letztlich scheiterte, ist heute ebenso wenig nachvollziehbar wie der Erfolg in anderen Fällen. Wie im vorangegangenen Artikel geschildert fielen sie der Shoa zum Opfer.

Das folgende Schreiben gibt einen Eindruck, wie nach der unbarmherzigen Vertreibung und systematischen gewaltsamen Vernichtung der jüdischen Einwohner Deutschlands, sich das nationalsozialistische System seine eigenen Gesetze schuf, um sich das Vermögen der Opfer und sei es noch so klein einzuverleiben.

Die Oberfinanzdirektion Württemberg in einem Schreiben vom 8. Juni 1944 an das Finanzamt Biberach:

 

„Der am 27. Feb. 1915 geborene Lothar Israel Lewin und die am 29. Dez.
1889 geborene Bella Sara Lewin, beide zuletzt wohnhaft in Laupheim, Kapellenstraße 33, sind am 30. Juli 1941 nach Amerika ausgewandert. Ihr Vermögen ist lt. Mitteilung der Gestapo-Stapoleitstelle Stuttgart vom 24. April
1943 dem Reich verfallen. Ich habe das bei der Firma Adolf Epting GmbH in Stuttgart gelagerte Umzugsgut, bestehend aus 2 Koffern samt Inhalt zur Versorgung von Fliegergeschädigten verwendet. Der Gesamterlös beträgt
428.15 RM. Ich habe die Oberfinanzkasse angewiesen, Ihnen diesen Betrag zu überweisen und bitte, das Weitere wegen der Verbuchung dieses Betrags zu veranlassen.“

(Staatsarchiv Sigmaringen 126/2 Nr.7)

Am Schluss des Aufsatzes ist noch einmal Lothar Lewin das Wort zu erteilen, der sein Leben mit folgenden Worten beschreibt:

 

„Ich, Lothar Lewin, bin 1915 in Stuttgart-Feuerbach geboren. 1941 wanderte ich in die USA ein, 1943 heiratete ich Susi Weil. Die Mutter meiner Frau war Rosa Weil, geb. Marx, 1884 geboren. Auch sie war Witwe und lebte in Buchau am Federsee. Ende 1941 wurde sie nach Riga transportiert, von wo sie nicht zurückkehrte. Tochter Linda wurde 1950 geboren; sie ist verheiratet und wohnt in Leonia, New Jersey.
Ich diente von 1943 bis 1946 in der US-Armee (im Südpazifik). 1952 kam ich als Verkaufsleiter zur Interstate Chemical Corp in Fort Lee, N.J. und war später Executive Vice Präsident derselben Firma bis 1978. Ich bin aktiv in der Gemeinde Ohav Sholaum, Washington Heights, und zwar als Vorsitzender des Clubs der Männer in den letzten 12 Jahren.“
 

Die Anzeige aus der Zeitschrift Aufbau“, die in New York als Zeitung der jüdischen Emigranten erschien, vermeldete in der Ausgabe vom 4. Dezember 1998 den Tod Lothar Lewins. Bemerkenswert erscheint der Zusatz unter dem Namen des Verstorbenen formerly Laupheim“, d. h. „ehemals Laupheim“, der seine Verbundenheit mit seiner früheren Heimatgemeinde bis in den Tod zum Ausdruck bringt.

 

 

 

Quellen-, Literatur- und Bildverzeichnis:

Archiv: H. Steinle. Encarta 2004.

Der Jüdische Friedhof in Laupheim. Laupheim 1998. S. 434, S. 506. Staatsarchiv Sigrmaringen 126/2 Nr. 7.

Stadtarchiv Laupheim. FL 9811-9899 I a. Standesamt Laupheim. Familienregister Band V.

Strauss, Walter (Hrsg.): Lebenszeichen. Juden aus Württemberg nach 1933. Gerlingen 1982.

Weil, Jonas: Verzeichnis von Kriegsteilnehmern der israelitischen Gemeinde Laupheim. Laupheim 1919. www.pharmtech.tu-bs.de.

Zeitschrift Aufbau“ vom 4. 12. 1998.

 

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