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Die jüdische Gemeinde Laupheim und ihre Zerstörung

Gedenkbuch Seiten 461 - 463 

SCHILLER, Samuel,

Judenberg 11

 

ELISABETH RÖHRICH

Samuel Schiller, geb. am 13. 3. 1856 in Krems (Österreich), gest. am 9. 7. 1940 in Laupheim
OO Berta Schiller, geb. Fischer, geb. am 25. 1. 1867 in Krems, gest. am 29. 9.1942 in Treblinka.

Samuel Schiller wurde am 13. 3. 1856 in Krems geboren und wuchs in Wien auf. Mit seiner Frau Berta, welche ebenfalls aus Krems stammte, kam er nach Laupheim, „ein Zuwanderer aus der österreichisch-ungarischen Doppelmonarchie“, wie Hermann Sternschein ihn nannte. Er bekleidete das Amt des Friedhofwärters. Darüber hinaus war er „Bote der jüdischen Gemeinde“ und übte nebenher noch das Sattlerhandwerk aus. In dem Haus direkt neben dem Eingang zum Friedhof, Judenberg 11, wohnte das Ehepaar, welches kinderlos blieb, zur Miete.

 

Im Hintergrund, neben dem Friedhofsportal, ist das Haus Judenberg 11 zu sehen,

in dem Samuel Schiller zur Miete wohnte. (Foto: Archiv Günther Raff)

 

Samuel Schiller sei bei jung und alt ob seines Mutterwitzes, seiner Freundlichkeit und seiner allzeit guten Laune“ beliebt gewesen. In Laupheim hatte er sich gut eingelebt und wurde „zu einem wirklichen Laupheimer Original“. Seine äußere Erscheinung war die eines eher untersetzten Mannes mit schlohweißem Haar, der häufiger mal eine „Trachtenjoppe trug und einen grünen Hut, den ein Gamsbart“ zierte. Unser Schiller“, nannten ihn die Jungen und Mädchen der jüdischen Gemeinde.

Samuel Schiller liebte die Geselligkeit und den Gesang. So gab er Wiener Fiakerlieder zum Besten und war einem „guten Viertel Wein“ nicht abgeneigt. Seine musikalische Begabung zeigte sich im Besonderen in der Ausübung eines ehrenvollen Amtes, dem des Schofarbläsers. An den höchsten jüdischen Feiertagen, Neujahr und Versöhnungstag, wird der Schofarton Tekiah mit dem Schofar, einem Blasinstrument aus dem Horn eines Widders, geblasen.

Siegfried Einstein1) erinnert sich in seinem Buch Wer wird in diesem Jahr den Schofar blasen?“ an Samuel Schiller:

 
„Samuel Schiller hatte Tekiah geblasen und tief Luft geholt. ,Was ist das für ein Horn?’ hatte Julius Kahn, den die Kinder alle ,Usus’ riefen, gefragt. ,Ein Widderhorn, mein Sohn. Durch das Blasen des Schofars fielen die Mauern von Jericho.’ Und dann hatte Samuel Schiller erst mal eine Pause eingelegt und schließlich herausfordernd kommentiert: ,Nicht jeder kann diesem krummen Horn eine Melodie entlocken, und die Grünschnäbel von heute schon gar nicht. Versuch es einmal!’ Und dabei reichte er dem pausbackigen Julius das Schofarhorn.
Der Knabe blies und blies doch der tönende Erfolg blieb aus. Von jener Stunde an geselllte sich zu seiner Liebe für den schmächtigen Mann eine reine Ehrfurcht: Denn Samuel Schiller allein war in Laupheim auserkoren, Schofar zu blasen.“

 

Vom Jahr 1933 ab verstummte sein Gesang“, schreibt Josef Braun im Alt-Laupheimer Bilderbogen2). Was mit dieser Aussage gemeint ist, kann man nur vermuten. Zog sich Samuel Schiller mehr und mehr zurück aus dem öffentlichen Leben aufgrund der Übergriffe und öffentlichen Demütigungen, denen die jüdischen Bürger ausgeliefert waren? Oder war eine Krankheit der Grund für das beschriebene Verhalten? Am 9. Juli 1940 starb Samuel Schiller mit 84 Jahren. Er wurde auf dem jüdischen Friedhof, Grabstelle N 28/11 begraben3). Seinen Grabstein schmückt ein Schofar.

Sein Tod im Jahre 1940 bewahrte ihn vor dem schlimmen Schicksal, welches seine Frau Berta nur zwei Jahre später erleiden musste. Sie gehörte zu den letzten jüdischen Bewohnern Laupheims und wurde von ihrem Haus in eine Baracke in der Wendelinsgrube umgesiedelt. Von dort aus wurde sie, inzwischen 75jährig, am 19. August 1942 als eine von 43 Frauen und Männern in ein zentrales Sammellager nach Stuttgart gebracht, von wo aus kurze Zeit später der Weitertransport nach Theresienstadt erfolgte. Nach kurzem Aufenthalt dort wurde Berta Schiller am 29. 9. 1942 in das Vernichtungslager Treblinka deportiert4).

In einem Gedenkbuch über die Verfolgung der Juden von 1933–1945, bearbeitet vom Bundesarchiv in Koblenz, ist für Berta Schiller der Todesort Minsk in Weißrussland angegeben. In einem der grauenvollen Vernichtungslager des Ostens verliert sich ihre Spur5).

 

Wer wird in diesem Jahr den Schofar blasen? Samuel Schiller ist tot“,

heißt es in Siegfried Einsteins bereits erwähntem Buch

(links die Grabstätte von Samuel Schiller, rechts das darauf abgebildete Schofarhorn).

(Fotos: Elisabeth Röhrich)

 

 

Quellen:

1) Alt-Laupheimer Bilderbogen, Bd. 1, S. 57 f.

2) Einstein, Siegfried: Wer wird in diesem Jahr den Schofar blasen? Giessen 1987, S. 90.

3) Hüttenmeister, Nathanja: Der jüdische Friedhof Laupheim. Laupheim 1998, S. 520.

4) Hecht, Köhlerschmidt: Die Deportation der Juden aus Laupheim. Laupheim 2004, S. 91und S.117.

5) Gedenkbuch. Opfer der Verfolgung der Juden nationalsozialistischer Gewaltherrschaft in Deutschland, Bundesarchiv, Koblenz, 1986.


 

 

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