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Die jüdische Gemeinde Laupheim und ihre Zerstörung

  Gedenkbuch Seiten 521 - 531

TREITEL, Rabbiner-Familie,

Synagogenweg 1

 

ROLF EMMERICH

Leopold Treitel, Dr., Rabbiner, geb. 7. 1. 1845 in Breslau, gest. 4. 3. 1931 in Laupheim OO Rebecca Treitel, geb. Brann, geb. 10. 10. 1856 in Schneidemühl, gest. am 5. 10. 1936 in Laupheim 
Otto Treitel, Dr., geb. 16. 5. 1887 in Karlsruhe, gest. 8. 10. 1949 in Philadelphia/Pa-USA
Emil Treitel, Dr.,  geb. 8. 8. 1889 in Karlsruhe, gest. 23. 11. 1963 in Maspeth/NY-USA
Erich Treitel, Ing., geb. 21. 1. 1897 in Laupheim, gest. 28. 8. 1982 in Buenos Aires/Argentinien 

Mit dem Tode unserer lieben Mutter, ist die Heimat für mich endgültig verloren“, so schrieb Erich Treitel, seit drei Jahren Emigrant, nach dem Tode Rebecca Treitels im Oktober 1936 in sein Tagebuch. „Damals verlor ich das Vaterland und heute auch noch die Heimat – jetzt bleibt nichts mehr übrig“, lautet die weitere Notiz. Bald danach gab es in Deutschland keine Mitglieder dieser Familie mehr.

Leopold Treitel1) studierte zunächst in seiner Heimatstadt Breslau Philosophie und Geschichte. Im Jahre 1869 promovierte er über den antiken jüdischen Philosophen Philo von Alexandrien. Bereits parallel zur Universität studierte Treitel am Breslauer Rabbinerseminar, wo er 1876 die Rabbinerexamen ablegte.

Die spätere Frau des Rabbiners, Rebecca2) geborene Brann, kam 1872 als 16- Jährige aus Schneidemühl in Westpreußen nach Breslau zur Ausbildung an das Lehrerinnen-Seminar. Nach zwei Jahren schließt sie das Studium mit Bestnoten ab. Als Segensspruch zur Bat Mitzwa hatte ihr der Vater Rabbiner Salomon Brann den Denkvers „Nach Weisheit, Tochter, sei dein Streben; doch bedenke: Gottesfurcht nur ziert das Leben mitgegeben. Ihr entscheidendes Lebensmotto scheint darin vorgegeben zu sein.

In dieser Zeit studierte Rebeccas Bruder Marcus Brann3) am Rabbinerseminar gemeinsam mit Leopold Treitel. Offenkundig begegnete Rebecca Brann in diesen Jahren erstmals ihrem späteren Mann.

Am 30. Mai 1882 heiratete Leopold Treitel und Rebecca Brann in Schneidemühl/ Westpreußen. Der junge Rabbiner amtierte zu dieser Zeit in Briesen/Westpreußen, danach von 1884 bis 1894 als stellvertretender Stadtrabbiner in der badischen Residenzstadt Karlsruhe. Dort wurden die Söhne Otto und Emil 1887 bzw. 1889 geboren.

In Karlsruhe unterrichtete Dr. Treitel neben seinen Rabbinatsaufgaben als Religionslehrer an verschiedenen Schulen. Zu Unterrichtszwecken schrieb er in dieser Zeit diverse Bücher zu biblischen Themen; u. a.Rahab, die Seherin von Jericho", wovon sich ein Exemplar im Laupheimer Museum befindet.

Der Sorge um die positive Entwicklung der Jugend galt auch die gemeinsame Arbeit des Ehepaares Treitel. Sie gründeten ein Internat für jüdische Schülerinnen und Schüler, die von auswärts kamen, um in Karlsruhe höhere Schulen zu besuchen. In Karlsruhe wurden genau in diesen Jahren, einmalig in Deutschland, junge Frauen zum Abitur zugelassen; auch jüdische Mädchen. Bemerkenswert ist das auch, weil zu jener Zeit den Frauen noch kein Universitätsstudium erlaubt wurde.

 

Leopold und Rebecca Treitel.

Für Rebecca Treitel, mit ihren zwei kleinen Buben, war das Internat, direkt angrenzend an ihre Wohnung, sicherlich eine harte Herausforderung. Ihr Ziel, die Jugend zu erziehen und der Gemeinschaft zu dienen, hatte aber offenkundig einen sehr hohen Stellenwert.

Laupheim

Im März 1895 zog die Familie Treitel nach Laupheim; zu neuen Lebensaufgaben. Dr. Leopold Treitel war zum Laupheimer Rabbiner gewählt. Zeitgenossen berichteten, dass die Rabbinerfamilie feierlich mit Kutschen am Laupheimer Westbahnhof abgeholt wurde. Zwei Jahre nach ihrer Ankunft in Laupheim wurde der dritte Sohn Erich Josef geboren. Leopold und Rebecca Treitel waren nun zentrale Persönlichkeiten einer sehr vitalen jüdischen Gemeinde. Neben dem Dienst in der Synagoge übernahm Dr. Treitel den jüdischen Religionsunterricht an den Schulen, den Vorsitz der Chewra Kadischa (Beerdigungsbruderschaft) und die Führung des Gemeindevorstandes.

In Laupheim fand er endlich auch die Chance, an seinem wissenschaftlichen Lebenswerk weiter zu arbeiten: Theologie und Philosophie des antiken Philosophen Philo von Alexandrien. Wie ein roter Faden zieht sich dieses grundlegende Thema durch seine wissenschaftliche Arbeit. Daneben veröffentlichte er Dutzende Artikel mit jüdisch-theologischen und jüdisch-historischen Themen in der „Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums“, die eine Linie historischkritischer Reform in Deutschland vertrat. Daneben wandte er sich im „Israelitischen Gemeindeblatt r Württembergin großem Ernst den drängenden Zeitfragen zu. Der wachsende Antisemitismus beunruhigte und alarmierte Leopold Treitel schon sehr früh.

Emil, Erich und Otto Treitel (von links).

Der Habitus des Gelehrten, der in seinem langen Mantel und mit Hut im Städtchen unterwegs war, wird von Zeitzeugen immer wieder beschrieben. Der Rabbiner besaß dabei viel Talent zur Selbstironie; er konnte herzhaft lachen, wenn bei Gemeindefesten, wie Purim, sein Erscheinungsbild treffend und wirklichkeitsnah nachgespielt wurde.

Rebecca Treitel übernahm neben der Erziehung der Söhne und dem Hausstand im Rabbinatshaus, den sie praktisch allein bewältigte, etliche weitere Aufgaben. Über Jahrzehnte übte sie den Vorsitz im karitativen jüdischen Frauenverein aus, kümmerte sich um die Bibliothek des Lesevereins und führte die Sonntagsschule für Mädchen ein. Außerhalb der Judengemeinde war „Frau Rabbiner“, wie sie in Laupheim genannt wurde, ebenfalls sehr aktiv; speziell beim Ortsverein des Roten Kreuzes. Dies wird heute noch durch die kaiserliche Verdienstmedaille, die sie wegen ihres Einsatzes Anfang 1914 verliehen bekam, dokumentiert. Ein Bild aus der Zeit des Ersten Weltkrieges zeigt die mittlerweile 60jährige 1916 inmitten verwundeter Soldaten vor dem Vereinslazarett des örtlichen Roten Kreuzes. Für herausragenden Einsatz an dieser Stelle wurde ihr 1916 das Königlich-Württembergische Charlottenkreuz verliehen.

Die harten Jahre des Ersten Weltkrieges haben der Jüdischen Gemeinde Laupheim großes Leid zugefügt. Rabbiner Treitel musste die Familien von etlichen Gefallenen trösten. Er schrieb regelmäßig zu den jüdischen Feiertagen ermutigende Briefe zu seinen Gemeindemitgliedern, die als Soldaten an der Front waren. Sehr auffallend ist, dass seine Briefe nicht in dem damals üblichen martialischen Ton verfasst waren. Unsichtbar bleiben uns die Sorgen der Rabbinerfamilie Treitel, die alle drei Söhne während des ganzen Weltkrieges an der Front hatte; mit der täglichen Sorge um deren Leben.

Emil, Rebecca, Rabbiner Dr. Leopold, Otto und Erich Treitel.

 

Im Jahre 1920 starb Rebecca Treitels Bruder, der Rabbiner und Historiker Professor Marcus Brann in Breslau. Sehr einschneidend war dies für Leopold und Rebecca Treitel. Sie hatten beide in einem lebhaften persönlichen und wissenschaftlichen Gedankenaustausch mit dem Verstorbenen gestanden. Letzteres gilt besonders für die Publikationen Dr. Treitels. Er war zu dieser Zeit mit seiner abschließenden Monografie Gesamte Theologie und Philosophie Philos von Alexandria befasst. Mit kompetenter Hilfe seiner tatkräftigen Frau konnte das Werk 1923 gedruckt werden. Im Jahr dieses Erfolges wurde dieser letzte Laupheimer Rabbiner als 78jähriger in den Ruhestand versetzt; er blieb aber weiter im Rabbinat wohnhaft.

Die Herausforderungen änderten sich. Auch in Württemberg gab es bereits in der Mitte der 20er Jahre antisemitische Angriffe. In Laupheim musste die jüdische Gemeinde bereits 1924 eine Aufklärungsversammlung gegen die örtliche Nazipropaganda durchführen. Dies war, dank Rabbiner Treitels gutem Verhältnis zu den Kirchen, im katholischen Gemeindehaus und mit Unterstützung der beiden christlichen Ortsgeistlichen möglich. Bemerkenswert: In Laupheim blieben die Nazi bis 1933 ohne große Resonanz.


Rebecca Treitel am Totensonntag des Jahres 1932 neben dem Gefallenendenkmal auf dem jüdischen Friedhof. Zum letzten Mal wurden an diesem Tag auch die jüdischen Gefallenen (1914–1918) aus Laupheim von den Laupheimer Chören und Offiziellen mit einer Gedenkfeier geehrt.

 

Rebecca Treitel publizierte religiöse Jugendbücher; viele Jahre schrieb sie über jüdisches Leben in deutschen und Schweizer Zeitschriften; über Alltägliches und Grundsätzliches. Ihre Texte beleuchten aufschlussreich Vorgänge und Bestrebungen von Jung und Alt in den nahen Synagogengemeinden. Legendär war offenkundig ihre Sonntagsschule für Mädchen, die sie im Rabbinatshaus bis wenige Wochen vor ihrem Tode betrieb. Wir haben bei ihr viel Biblisches besprochen; aber auch Schiller und Heine habe ich bei ihr schätzen gelernt“, sagte mir Esther Chafri viele Jahre später. Die große Bibliothek des jüdischen Lesevereins im Hause tat dabei gute Dienste.

Die Stärke ihres pädagogischen Talents setzte die Frau Rabbiner“, wie sie genannt wurde, auch für viele kostenlose Nachhilfestunden ein; vorzugsweise in Englisch, Französisch und Latein. Ein Blumentöpfchen als Gegenleistung“ lehnte sie freilich nicht ab. Neben der Literatur liebte sie die Blumen besonders.

Die Beschwernisse des Alters nahmen zu; trotzdem zog es die Enkelkinder, sobald sie groß genug waren, in den Ferien zu den Großeltern. Besonders die Großmutter Rebecca wird als interessante Spielgefährtin geschildert.

Rabbiner Treitel starb zwei Monate nach seinem 86. Geburtstag. Die Söhne mit ihren Frauen waren angereist; sie kamen noch rechtzeitig, um ihrem Vater das jüdische Sterbegebet zu sprechen. Unter Beteiligung einer großen Trauergemeinde, mehrerer Rabbiner und der christlichen Ortsgeistlichen wurde Dr. Leopold Treitel am 5. 3. 1931 zu Grabe getragen.

Rebecca Treitel lag während dieser Zeit in einem fiebrigen Zustand schwerkrank darnieder. Nach dem Tode ihres Mannes lebte sie noch über fünf Jahre als Mittelpunkt für ihre Söhne, die Enkel und die jüdische Gemeinde in Laupheim. Der Arbeit mit Jugendlichen war sie immer noch zugewandt. Die zunehmende Diskriminierung, auch der Laupheimer Juden nach 1933, schreckte sie auf. Eine Folge davon sind Gespräche und Gedichte, die tiefgreifend nach den Ursachen fragen. Als sie kurz vor dem 80. Geburtstag starb, mit klarem Verstand bis zuletzt, hatte sie sich mit Bedachtsamkeit in Testament und Briefen von ihren Angehörigen verabschiedet.

Damals ein Novum auf dem jüdischen Friedhof in Laupheim: Rebecca Treitel hat sich, jenseits gängiger Tradition, mit ihrem Mann ein Doppelgrab gewünscht.

  

Quellen:

1) Rolf Emmerich „Philo und die Synagoge“ in Schwäbische Heimat 1998/4, S. 442 ff.

2) Rolf Emmerich „Rebecca Treitel wohltätige Jüdin und Itellektuelle“ in Schwäb. Heimat 2005/3.

3) Neues Lexikon des Judentums, Gütersloh/München 1998, S. 138 f.


 

Dr. Otto Treitel

Er wurde als ältester Sohn der Rabbiner-Familie Treitel am 16. 5. 1887 in Karlsruhe geboren.

In Laupheim besuchte er zunächst die jüdische Volksschule und die örtliche Lateinschule. Das Abitur machte er in Ulm. Anschließend studierte er Mathematik und Physik in München. Er promovierte noch vor dem Ersten Weltkrieg.

Entsprechend seiner besonderen Qualifikation war er dort zu Lokalisierungen feindlicher Artilleriestellungen beauftragt; dabei spielte die Vermessung und Berechnung von Schallwellen eine Rolle. Ironie der Geschichte: Sein Neffe Dr. Sven Treitel arbeitete später als Geophysiker u. a. mit ähnlichen Messmethoden.

Nach dem Krieg studierte Otto Treitel zusätzlich Botanik und promovierte auch in diesem Fach. Nach Assistentenzeiten an der Hochschule zeigte sich, dass ein Jude bereits in der Weimarer Republik fast nie eine Universitätsprofessur bekommen konnte. Statt dessen fand Otto Treitel eine Stelle als Lehrer an einer höheren Mädchenschule in Berlin; weit unter seiner Qualifikation.

Am 29.7.1934 erfolgte die Heirat mit der Laupheimerin Elsbeth Einstein, der jüngsten Schwester von Herta Nathorff. Es sollte die letzte Hochzeit in der jüdischen Gemeinde Laupheim sein.

 

Vordere Reihe, v. links: Heinz Neudorff, Dr. Herta Nathorff geb. Einstein, Rebecca Treitel, der Knabe in der Mitte: Werner Treitel, Arthur Emil Einstein und Mathilde Einstein (Brauteltern).
Hintere Reihe, v. links: Dr. Emil Treitel, Grete Treitel (seine Frau), das Brautpaar Elisabeth geb. Einstein und Dr. Otto Treitel, 2 unbekannte Frauen, davor Eva Treitel (12 J.), Sofie Pauson, geb. Einstein, und ihr Mann Martin Pauson, ganz rechts: Hans Treitel.

Nach der sogenannten Kristallnacht wurde Otto Treitel ins KZ Sachsenhausen verschleppt. Sein Entlassungsschein aus dieser üblen „Behandlung" ist auf 21.12. 1938 datiert. Mit einigen Monaten Verzögerung konnte das kinderlose Paar Ende 1939 in die USA auswandern. Ein Affidavit, das der Filmpionier Carl Laemmle bereits 1938 ausgestellt hatte, bahnte diesen Weg. Zum Glück hat beim zuständigen Konsulat niemand bemerkt, dass Carl Laemmle bereits am 24. September 1939 gestorben war.

In den Vereinigten Staaten erhielt Otto Treitel an verschiedenen Universitäten die Chance als Botaniker zu forschen; zuletzt als Research Professor an der University of Pennsylvania in Philadelphia. Sein Spezialgebiet: Die Elastizität von Pflanzenstoffen.

Zitat aus dem Aufbau“, New York im Oktober 1949:

 Professor Dr. Otto Treitel starb am 8. Oktober in Philadelphia, Pa. Ursprünglich Mathematiker, wandte er sich später den Naturwissenschaften zu. Nach seiner Vertreibung aus Berlin wirkte er als Dozent und Forscher an den Staatsuniversitäten von Michigan und Pennsylvania. Seine zahlreichen naturwissenschaftlich und medizinisch bedeutungsvollen Arbeiten auf dem Gebiete der Elastizitätsforschung fanden bei seinen Fachgenossen hohe Anerkennung. In Laienkreisen ist er durch seine ,Führungen durch die Natur besonders bekannt geworden.“

Dr. Emil Treitel

Er wurde am 8. 8. 1889 in Karlsruhe/Baden geboren. Nach dem Umzug der Familie nach Laupheim besuchte er hier die Jüdische Volksschule und die Lateinschule. Das Abitur machte er am Gymnasium in Ulm. Dem folgte das Studium der Medizin und der Zahnmedizin in München mit Promotion im Juli 1914.

Als Kriegsfreiwilliger 1914–1918 war Emil Treitel Feldarzt, dann Oberstabsarzt im Ersten Weltkrieg; er bekam drei Tapferkeitsorden, darunter das EK I.

Nach 1919 baute er eine blühende Facharztpraxis für Zahn-, Mund- und Kieferkrankheiten in Berlin-Wilmersdorf auf. Um 1920 heiratete er Margarete Cohn aus Berlin-Köpenick. Mit ihr hatte er dann die Tochter Eva (1922) und die Söhne Hans, später Henry (1924) und Werner (1928).

Wie allen jüdischen Ärzten wurde ihm nach 1935 die Behandlung der sogenannten Arier“ erschwert und schließlich ganz verboten. Wegen seiner Tapferkeitsauszeichnungen aus dem Ersten Weltkrieg hatte er die Hoffnung, nicht weiter von den Nazis verfolgt zu werden. Nach der „Kristallnacht wurde er jedoch ins KZ Sachsenhausen eingeliefert. Als er auf seine Orden verwies, wurden ihm diese heruntergerissen. Nach zwei Wochen quälender Ungewissheit schrieb seine Frau Grete einen Bittbrief an die Gestapo, ihren Mann zu entlassen. Die miese „Behandlung“ sollte jedoch noch weitere vier Wochen andauern.

Nach der Entlassung aus dem KZ verließ er Deutschland für immer. Anfang Dezember 1939, wenige Tage vor der Einschiffung in Rotterdam, besuchte er noch das Elterngrab in Laupheim. In einem Brief schrieb er: Wie viele Beziehungen gehen schon von dem kleinen Friedhof nach Amerika. Wer hätte je gedacht, dass auch wir einmal dorthin gehen werden.“ Weiter schrieb er: „Ich kann nur meine nötigsten Instrumente mitnehmen, dazu Wäsche und Kleider; sonst nichts.“

Mit einem Affidavit (Bürgschaft), von Carl Laemmle bereits 1938 ausgestellt, konnte die Familie in die USA einreisen. Laemmle bezog sich im Begleitschreiben ausdrücklich auf seine hohe Wertschätzung gegenüber den Eltern Rabbiner Dr. Leopold Treitel und dessen Frau Rebecca.

Dr. Emil Treitel praktizierte ab 1944 als Arzt in Maspeth, New York. Dies war nur möglich, weil er zwischenzeitlich die US-Examen für Ärzte abgelegt hatte. Er starb am 23. 11. 1963 in Maspeth. Ein Nachruf im Aufbau“ besagt, dass er sich sehr viel mit jüdischen Problemen beschäftigte und in der reformorientierten Abraham-Geiger-Loge tätig war.

 

Erich Treitel

Er wurde als jüngster Sohn der Rabbiner-Familie Treitel am 21. Januar 1897 in Laupheim geboren. Hier besuchte der Junge die jüdische Volksschule und die Lateinschule. Das Abitur machte er am Gymnasium in Ulm.

Zwischen 1914 und 1916 studierte er am Polytechnikum in Nürnberg Elektrotechnik. Nach dem Staatsexamen meldete sich der junge Ingenieur als Freiwilliger zum Bayerischen Heer. Wegen seiner fachlichen Kompetenz wurde er, damals als „Klopfer“ bezeichnet, zum Telegrafendienst im Elsass eingesetzt.

Nach dem Krieg arbeitete er bei verschiedenen Firmen in Süddeutschland u. a. bei den Zeppelinwerken in Friedrichshafen. In dieser Zeit wurde er, wohl auch durch die Kriegserfahrung, aktiver Pazifist und Sozialist. Er trat der zionistischen Jugendgruppe „Blau-Weiß bei, für die er auch in Laupheim warb. Bei einem Ausflug dieser Gruppe lernte Erich Treitel seine spätere Frau Rosa Bloch aus Gailingen kennen. Im August 1926 war die Hochzeit, im März 1929 wurde Sohn Sven geboren.

Bis 1933, also bis zur Machtergreifung der Nazis betrieb Erich Treitel ein Elektrogeschäft in Freiburg/Br.. Dank politischer Erkenntnis entschloss sich die junge Familie bald, das Geschäft aufzugeben und Deutschland den Rücken zu kehren. Zunächst reiste Erich Treitel allein durch Spanien und Portugal; schließlich konnte sich die Familie in Palma de Mallorca niederlassen und ein Elektrogeschäft gründen. Im Juli 1936 brach jedoch der Spanische Bürgerkrieg aus. Der politisch Linke wurde von den Faschisten der Spionage verdächtigt, zum Tode verurteilt und wie durch ein Wunder, mit Hilfe des Deutschen Konsulats, befreit. Offenbar gab es unter den Diplomaten auch anständige Charaktere.

Weg aus den Wirren des Spanischen Bürgerkrieges: Über Italien wurde Argentinien angesteuert. Da hierzu vorerst keine Visa zu bekommen waren, musste die junge Familie an verschiedenen Orten in England, u. a. in London, 15 Monate Zwischenstation machen. Nach fast zweijähriger Irrfahrt waren sie in Argentinien. In Buenos Aires musste eine neue Existenz aufgebaut werden. Der Elektroingenieur arbeitete dann für General Electric; später macht er sich mit einem Ingenieurbüro selbständig. Wie einfach schreibt sich das; wie schwer muss diese Emigration r die ganze Familie gewesen sein.

Erich Treitel starb am 28. August 1982 in Buenos Aires. Seinen Geburtsort Laupheim besuchte er mehrfach ab Mitte der 60er Jahre; er traf bei diesen Gelegenheiten Schulkameraden. Die Grabplatte auf dem Elterngrab datiert auch aus dieser Zeit. Dankbriefe des Bürgermeisters zeigen, dass Erich Treitel der Stadt Laupheim mehrfach Spenden für wohltätige Zwecke zukommen ließ.

 

 

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