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Die jüdische Gemeinde Laupheim und ihre Zerstörung

Gedenkbuch Seite 563 - 569  

WERTHEIMER, Maier,

Radstraße 17

 

ROLF EMMERICH

Maier Wertheimer, geb. 1. 7. 1868 in Kippenheim, ermordet am 6. 1. 1943 in Theresienstadt, OO Lina Wertheimer geb. Weil, geb. 5. 5. 1875 in Laupheim, ermordet am 31. 1. 1943 in Theresienstadt.
Rosa, geb. 30. 10. 1897 in Kippenheim, OO Alfred Samuel Erlebacher am 4. 4. 1932, gest. 13. 10. 1956 in Milwaukee/USA (Mutter v. Prof. Dr. Albert Erlebacher),
Ernst, geb. 24. 3. 1899 in Kippenheim, gest. 30. 12. 1977 in Tel Aviv/Israel,
Hermine, geb. 6. 6. 1900 in Kippenheim, verh. Schay, gest. 13. 2. 1984 in London/GB (Mutter von Eva Mayer),
Selma, geb. 27. 7. 1902 in Kippenheim, ledig, deportiert am 22. 8. 1942 nach Theresienstadt, ermordet am 16. 5. 1944 in Auschwitz,
Heinrich (Naftali), geb. 6. 10. 1906 in Laupheim, gest. 7. 9. 2000 im Kibbuz Hazorea/Israel.
Schwester von Maier Wertheimer, seit 1940 in Laupheim, Kapellenstr. 62 lebend: Emilie Wertheimer, ledig, geb. 1. 5. 1879 in Kippenheim, aus Laupheim deportiert am 19. August 1942; ermordet im November 1942 in Theresienstadt. 

Maier und Lina Wertheimer

Bis zum Jahr 1906 lebte die Familie in Kippenheim/Baden, wo die ersten vier Kinder geboren wurden. Dann übersiedelte sie nach Laupheim und wohnte in dem der Firma Bergmann gehörenden Haus Radstraße 17, damals Nr. 18. Verutlich war der wirtschaftliche Erfolg der 1899 gegründeten Firma Jonas Weil der Grund des Umzugs. Denn in der Firma seines Schwagers arbeitete Maier Wertheimer als Handlungsreisender und war möglicherweise auch an ihr beteiligt.

Im Oktober 1939 waren sie gezwungenermaßen in das zum Wohnheim umfunktionierte ehemalige Rabbinatsgebäude umgezogen. Dort lebten sie mit vielen jüdischen Laupheimern auf engstem Raum zusammen; insgesamt waren es 28 Personen. Meier Wertheimer „gab den Seder(abend) und allen gefiel es gut“, schrieb Lina Wertheimer im Mai 1940 an Gretel Gideon in Winterthur/CH. Von der Tochter Hermine in Südafrika sowie den Söhnen Ernst und Heinrich in Palästina/Israel hörten sie „leider nichts mehr“. Mehr als ein Jahr später kamen über Gretel Gideon in der Schweiz die ersten Lebenszeichen der Angehörigen aus Übersee.

 

 In der Sammelunterkunft Jüdisches Altersheim 1940: Ganz links Maier, ganz rechts Lina Wertheimer. In der Bildmitte stehend Julius Einstein, sitzend Max Rieser. Lina Wertheimers Briefe an Gretel und Emma Gideon berichten in sehr vorsichtiger Form über das Leben in der Zwangsunterkunft. (Foto: Bilderkammer Museum)

Am 19. August 1942 wurden Lina und Maier Wertheimer mit dem vierten und letzten Transport aus Laupheim ins KZ Theresienstadt deportiert.

Rosa, verh. Erlebacher

Betrieb in Laupheim mit ihrem Mann Alfred eine Seifensiederei; beide gehörten dem zionistischen Jugendbund Weiß-Blau“ an. Sie emigrierten im Oktober 1937 in die USA. Ihr Sohn Prof. Dr. Albert Erlebacher, geboren 1932, gehörte im Mai 1988 zu den Ehemaligen, die auf Einladung die Stadt Laupheim besuchten. Er kam gemeinsam mit seinem Sohn Seth.

Ernst Wertheimer

Emigrierte 1937 nach Israel. Er versuchte, seine Eltern dorthin zu retten; dies scheiterte.

Hermine Wertheimer

Heiratete 1926 Alfred Schay. Im Jahr 1931 wurde ihre Tochter Eva geboren. Die Flucht vor den Nazis führte die dreiköpfige Familie um die ganze Welt: Zunächst wanderten sie nach Mallorca aus, um am Ende des spanischen Bürgerkriegs schließlich über Italien nach Südafrika zu fliehen. In Johannesburg betrieben sie während des Krieges ein Fischrestaurant. Nach dem Tode von Alfred Schay im Jahr 1945 kehrte Hermine Schay mit ihrer Tochter Eva wieder zurück nach Europa und lebte in London.

  

Hermine Wertheimer, verheiratete Schay: als Schülerin der israelitischen

Volksschule Laupheim, 1909, und im Alter von etwa 60 Jahren.

 

Selma Wertheimer

Nach ihrer Schulzeit absolvierte Selma eine Ausbildung zur Kindergärtnerin, welche sie 1930 erfolgreich abschloss, wie der abgedruckten Notiz aus dem Laupheimer Verkündiger“ zu entnehmen ist. Danach zog sie von Laupheim weg, vermutlich weil sie irgendwo eine Anstellung bekam, doch 1933 kehrte sie wieder zurück und wohnte in der Kapellenstraße 42.

 

Selma Wertheimer im Jahr 1909 als Schülerin der isr. Volksschule Laupheim

 

In Briefen ihrer Mutter Lina an Gretel Gideon in Winterthur lesen wir über Selma, die seit 1939 in dem jüdischen Altersheim in der Stuttgarter Heidehofstraße arbeitete: „Sie ist sehr schlank geworden, mehr als mir lieb ist. (. . .) Selma hat Pech. Von zwei Bürgschaften, die schon vor Monaten aus USA an sie weggegangen sind, ist keine angekommen. Ob sie noch ankommen, ist schwache Hoffnung.“ Selma und ihre Mutter schrieben fast unzählige Briefe an Verwandte in den USA, zwischen Hoffen und Bangen.

Am 8. 10. 1940 schrieb die Mutter: „Selma hat ihre Bürgschaft, aber wann alles klappt, weiss man nicht.“ Die Bürgschaft wurde dann als ungenügend“ abgelehnt. Im April 1942 wurde sie zur Arbeit im Sammellager Dellmensingen eingeteilt. Als eine weitere Bürgschaft f'ür die USA kam, durfte die 40jährige nicht mehr ausreisen. Die tödliche Folge: Über das KZ Theresienstadt wurde sie im April 1944 in das KZ Auschwitz-Birkenau deportiert und dort ermordet.

Das letzte Lebenszeichen der Familie Wertheimer stellt das auf der nächsten Seite abgebildete Telegramm dar. „Nur heute noch Heim“, steht unten im Text: Es war der Tag ihrer Deportation nach Theresienstadt, der 19. August 1942, an dem sie es über das Rote Kreuz an ihren Neffen Alfred Erlebacher in den USA schicken konnten, um ihm zu seinem 45. Geburtstag zu gratulieren.

 

Naftali (Heinrich) Wertheimer

Die Deportation seiner Angehörigen aus Laupheim und deren Ermordung im KZ hat Naftali Wertheimer tief verletzt und zeitlebens stark belastet. Trotz Bitten und verschiedener Angebote hat er Deutschland, und damit Laupheim, nicht mehr besucht. „Das bringt mich um“, sagte er mir bei solcher Gelegenheit.

 

Oktober 1988: Naftali Wertheimer (2. v, r.) erhält Besuch aus Laupheim.
Im Rollstuhl sitzend: Ernst Levy, 1915 in Laupheim geboren.
(Foto: R. Emmerich)

 

Im Oktober 1988 besuchten wir erstmals den Kibbuz Hazorea in der Jesreel- Ebene, östlich von Haifa. Dort lebte damals außer Wertheimer auch Ephraim Levy, der mit anderen Ehemaligen im Mai 1988 Laupheim besucht hatte.

Der damals 82jährige kam im blauen Overall geradewegs aus der Werkstatt. Er erwies sich als sehr sachkundiger Führer durch den erfolgreichen Kibbuz. Dies galt einerseits bei der großen Asiatica-Sammlung des Kibbuz und in besonderer Weise bei den diversen technischen Einrichtungen dieser Siedlung. Naftali Wertheimer entpuppte sich geradezu als schwäbischer Tüftler, dem der Kibbuz originelle technische Lösungen zu verdanken hatte. Als wir 1996 den 89jährigen wieder einmal besuchen wollten, sagte er mir am Telefon, er sei vormittags immer in der Werkstatt, wir sollten am Nachmittag kommen. Noch immer war ihm seine technische Kreativität ein wichtiges Element.

Nach mehreren Anfragen im Laufe von Jahren war er bereit, mir ein Interview zu geben. Seine Sorge, zu Laupheim womöglich etwas Falsches zu sagen, war sehr groß. Obwohl wir bereits acht Jahre lang Briefe wechselten, sollte ich ihm zum Gespräch die Fragen rechtzeitig schriftlich vorlegen. So nahmen wir anlässlich einer Israelreise im Oktober 1996 in Jerusalem ein Taxi. Der arabische Fahrer brachte uns über Haifa zum Kibbuz Hazorea. Naftali, wie wir ihn nannten, empfing uns in seinem bescheidenen Haus nach der Mittagsruhe. Unserem arabischen Fahrer, der zum ersten Mal einen Kibbuz von innen sah, bot er in arabischer Sprache, nach der Fahrt durch die Mittagshitze, seinen fertiggewordenen Ruheplatz an.

 

Erinnerungen an Deutschland

Wir wohnten in der Radstraße 17. Mein Vater betrieb mit meinen Onkel Jonas Weil ein Geschäft für Öl und Fettwaren. Ich hatte drei Schwestern und einen Bruder. In Laupheim hatte ich einen Onkel und zwei Großmütter. Die Eltern starben ebenso wie meine Schwester Selma im Vernichtungslager.

Meine Schulen: drei Jahre jüdische Volksschule in Laupheim, dann fünf Jahre Realgymnasium in Laupheim und ebenso ein Jahr in Stuttgart. In diesen Jahren habe ich bei der Rabbinerfrau Rebekka Treitel französische und englische Literatur gelesen.

Danach machte ich eine kaufmännische Lehre und war später Angestellter bei Steuerberatern in Köln. Ab November 1933 war ich als Übersetzer für eine deutsche Firma in Calais/Frankreich tätig. Wahrend dieser Zeit kam ich zu dem Entschluss, nach Israel auszuwandern. Als Vorbereitung beschloss ich, in Köln bei einem jüdischen Schlosser als Volontär zu arbeiten. Hier lernte ich Leute aus Israel kennen. Ich wohnte in einem jüdischen Jugendheim als Verantwortlicher; tagsüber arbeitete ich in einer Schlosserei. Als das Heim 1936 aufgelöst wurde, übernahm ich die gleiche Aufgabe in Berlin. Ich arbeitete tagsüber in einer Schlosserei am Cottbuser Tor. Jeden Monat musste ich bei der Gestapo am Alexanderplatz erscheinen; immer wurden uns unsinnige Vorwürfe gemacht. Die Schikanen und Drohungen nahmen kein Ende bis wir im März 1939 das Heim auflösten.“

Neue Heimat Israel

„In einem kleinen kroatischen Hafen wurden wir auf einem Viehtransporter verstaut. Weil die Engländer uns damit nicht an Land lassen wollten, wurden wir auf dem Meer in einen anderen Kahn verladen. Ich fand Unterkunft in einem klei- nen Kibbuz. 26 Wochen arbeitete ich bis zu zehn Stunden täglich. In der Wä- scherei, auf den Feldern Steine aus dem Weg räumen, ebenso Gurken und Tomaten pflanzen und pflegen bis zur Ernte. Danach arbeitete ich über vier Jahre als Schlosser in einer Werft in Haifa. In dieser Zeit heiratete ich. Meine Frau starb jedoch schon mit 26 Jahren kurz nach der Geburt unseres Sohnes Meir an Typhus. Zu dieser Zeit gab es dafür in Israel keine Heilung. Allein mit meinem zwei Monate alten Kind fand ich Anschluss an den Kibbuz Hazorea in der Yesreel-Ebene. Damals lebten dort die Kinder noch im Kinderhaus; ich wurde zu meinem kleinen Sohn oft dorthin gerufen; meine zweite Heirat war in jener Zeit.

Beruflich habe ich eine Konstrukteurausbildung gemacht; lange Jahre war ich Leiter der Schlosserei. Noch heute (im 90. Lebensjahr!) kommen Leute mit konstruktiven Problemen zu mir.

Im Kibbuz hatte ich viel geistige Anregung und viele Kurse besucht. Gegen alle Vernunft lerne ich nun seit 18 Jahren Arabisch. Ich bin zufrieden mit dem Leben“, schloss er unser letztes Gespräch.

Laupheimer Besuch hat Naftali Wertheimer gerne in seinem Kibbuz empfangen und im Speisesaal bewirtet. Auch Besuch aus der Laupheimer Rabbinerfamilie Treitel. „Erich Treitel hat mich hier dreimal besucht, als Kind hatte er mir ein Spielzeug gemacht“, berichtete der Neungjährige. Kurz vor seinem 94. Geburtstag ist Naftali Wertheimer in voller geistiger Frische gestorben.

 

Der 91jährige Naftali Wertheimer im Kibbuz Hozarea,
Israel. Geboren 1906 in Laupheim, Radstraße 17,
als Heinrich Wertheimer, gestorben im Jahr 2000.
(Foto: Bilderkammer Museum)

 

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